Eine Torte für Simone: wir feiern Geburtstag mit Epica, Amaranthe und Charlotte Wessels

Arcane Dimensions, geheimnisvolle Dimensionen, eine Reise dorthin verspricht das wahrhaft mächtige Paket aus Symphonic Metal, das als Tourtross durch die Welt rollt. Und wenn es dazu noch etwas zu feiern gibt, dann dürfen wir natürlich nicht fehlen.

Gleich als zweite Station steuert das famose Paket aus Epica, Amaranthe und der vormaligen Delain-Fronterin Charlotte Wessels unsere schöne Stadt an: am Vortag fiel der Startschuss für die Tournee in Köln, so dass die Setlist erst kurz vor knapp bekannt ist und wir uns mit einem handgeschriebenen Zettel begnügen müssen. Der tut’s aber auch, und so wandern wir nach einer kleinen Wartezeit – die aufgrund der frostigen Temperaturen dankenswerterweise vom Personal beendet wird – in die Eisenbahnausbesserungshalle, die auch heute nicht gänzlich ausverkauft ist.

Sehr pünktlich zu früher Stunde geht die Sause um 18:30 los, als Charlotte Wessels in witzigem Kettenhemd (dazu später mehr) und einem Rock aus Alufolie die Bühne betritt und sich den blumenverzierten Mikroständer schnappt. Der Einstieg gelingt mit „Chasing Sunsets“ und „Dopamine“ (auf Konserve ein Duett mit Frau Simons, aber dieses team up kommt dann noch später am Abend) durchaus ordentlich, die Stimme der früheren Delain-Frontelfe sorgt dank Ausdrucksstärke und Charakter unverändert für Verzücken. Das Material selbst, das sie mit ihrer Kombo The Obsession kredenzt, kommt da schon etwas sperriger daher, auch wenn sich die Kombo aus den alten Delain-Weggefährten Timo Somers an der Gitarre (Glitzerjoppe und Statur, die einem Casting für den nächsten Wolverine-Film standhalten würde) und dem unnachahmlich benannten Otto Schimmelpenninck van der Oije am Tieftöner beherzt ins Zeug legt. „Thanks for coming out so early“, bedankt sich Charlotte nun bei uns, gerne doch, zumal mit „Soft Revolution“ nun ein sehr gelungener Track ins Haus steht. Das neue „After Us The Flood“ läuft ebenso gut rein, dann ergibt sich plötzlich rege Geschäftigkeit auf der Bühne: ein Kollege versucht redlich, Charlotte auszuhelfen, das gelingt aber nicht, sie winkt schließlich ab und verabschiedet sich im Oberteil, das offenbar den Geist aufgegeben hat: „I’m having a wardrobe malfunction here. Thank God I’m wearing a nice bra“. So gestaltet sich der weitere Verlauf durch adrett, und nach dem „Exorcism“ ist die Sache nach einer guten halben Stunde auch schon wieder beendet. Man philosophiert noch ein wenig, wie genial Delain zu Zeiten von „The Human Contradiction“ doch war, und dankt artig.

Kurze Umbaupause, in Köln war dem Vernehmen nach nun Epica an der Reihe, heute stehen die Zeichen eindeutig auf Amaranthe, das verrät der Bühnenaufbau im Stile des nach wie aktuellen Albums „The Catalyst“ recht eindeutig. Bei der letzten Ansetzung war die gute Elize ja von Stimmproblemen geplagt, daher sind wir durchaus gespannt, wie man sich schlägt. Um Punkt 19:50 geht es mit einem Spoken Intro einer Maschinenstimme los, man wandert auf die Bühne und legt mit „Fearless“ und dem Gassenhauer „Viral“ schmackig los. Erkälten will die gute Elize sich offenbar definitiv

nicht nochmal heute, oder auf der Bühne zieht es wohl: eingepackt in einen langen schwarzen Ledermantel, unter dem sich ein ebenso langes Lederkleid verbirgt, wird es der guten Damen ganz bestimmt nicht kalt. Das frohe Mikro-Treiben auf der Bühne wird mit Nils Molin (clean) und Mikael Sehlin (Grunzerei) professionell bestritten, und Goldlöckchen Olof Mörck zeigt sich wieder in Glitzer-Joppe (scheint heute die Tracht der Saitenbieger zu sein). Stimmlich zeigt sich auch Frau Ryd heute wieder auf der Höhe, das stampfende „Digital World“ kracht ordentlich ins Kontor. Wunderbar. So richtig kann sie sich nicht entscheiden, ob sie das Mäntelchen loswerden will – ab und an wqird gelüftet, aber dann geht es weiter gut umhüllt. „Damnation Flame“ und „Maximize“ markieren weitere flotte Programmpunkte, wobei in erster Linie Herr Molin den Impresario macht und Elize in erster Linie über Herzchen-Handzeichen mit uns kommuniziert. Nehmen wir auch gerne. „Maximize“ brettert munter vor sich hin, „Strong“ (im Original ein Duett mit der ja bedauerlicherweise ex-Battle Beast-Frontfrau Noora Louhimo) gefällt ebenfalls ausnehmend, dann gibt es mit dem e-Sports-Soundtrack „PVP“ einen ordentlicher Stampfer auf die Ohren, zu dem Elize dann endgültig ein neues Jäckchen übergeworfen hat. Ganz zauberhaft wird es dann bei „Crystalline“, das man wie stets im Andrew Lloyd Webber Phantom der Oper-Stil mit einer liegenden Elize und einem dräuenden Herrn Molin zelebriert. Wie immer als Ruhepunkt eines der klaren Highlights des Abends. „Boom!1“ dagegen bleibt blass, aber „The Catalyst“ reißt uns dann wieder standesgemäß vom nicht vorhandenen Hocker. Nach „Re-Vision“ gibt es dann mit „Chaos Theory“ ein brandneues Stück, das auf Konserve noch gar nicht zu haben ist und typisches Ranze-Material bietet. Jetzt aber zu unserem all time Favoriten: von Herrn Mörck atmosphärisch auf dem Keyboard inszeniert, trägt uns Elize eine wunderbare, leicht variierte Fassung von „Amaranthine“ vor, die dann in Teil 2 voll instrumentiert die ganze Wunderhaftigkeit dieser briallenten Halbballade offeriert. Ganz großer Tennissport. Fast schon atemlos geht es weiter, „The Nexus“ wird gejagt von „Call Out My Name“, dann ist erst mal Ende. Aber nahezu ohne Pause kommt man wieder, man möchte fast meinen, Olof will das Aktuelle Sportstudio nicht verpassen – wir dürfen beweisen, dass wir lauter schreien können als Köln, was wir natürlich sicherstellen, bevor es mit „Archangel“ wieder eine neue Joppe gibt und Elize den Haarzopf-Rotor einschaltet. „That Song“ grenzt wieder deutlich an einen gewissen Rhythmus-Stampfer von Queen, bevor dann das unverwüstliche „Drop Dead Cynical“ den Schlusspunkt markiert. Jawohl, verehrte Damen und Herren, so wird das gemacht – furios!

Jetzt bastelt man wieder um, die Bühne wird noch aufgeräumter und mit Videoleinwänden versehen. Kurz nach halb Zehn erwachen diese zum Leben, und ein nicht gerade bescheidener Avatar übernimmt das Intro: „This is it. This is what you have been waiting for.“ Unsere Handys sollen wir steckenlassen, so zumindest der Appell, “because this is happening right now.” Recht hat er! Die fotografierende Zunft gerät einstweilen in Nöte: man darf erst ab dem zweiten Song die Kamera schwingen. Der Grund offenbart sich bald, als man mit dem schweren „Apparition“ vom aktuellen

Langdreher „Aspiral“ ins Set startet und Simone Simons in einem dunklen Wallekleid die Woman in Black macht und dabei ihr brillante Stimmgewalt eindrucksvoll unter Beweis stellt. Mit „Cross the Divide“ dürfen wir dann nähertreten, Simone erscheint nun unverkleidet – weitgehend, denn erst einmal hat sie eine massive Sonnenbrille auf, die sie vielleicht von Kollegin Noora geliehen hat. Auch garderobetechnisch bleibt man bei der eingeschlagenen Linie, man möchte meinen, das Tourpaket habe den gleichen Schneider beehrt, oder es gab ein unschlagbares buy one get one free Angebot: auch Simone agiert im schwarzen Ledermantel mit Jean Paul Gaultier-Anklängen (ihr wisst schon, Madonna mit den spitzen Spitzen). Zum flotten „Martyr of the Free World“ hält es Keyboarder Coen Janssen nicht mehr länger an seinem Platz, mit seinem ikonischen gebogenen Umhänge-Tastenwerk springt er uns entgegen. Das wunderbare „Eye of the Storm“ zelebriert Simone in einer Welle von Dampfsäulen auf einer kleinen Empore, die Videoleinwände verwandeln das Zenith fast in eine Kunsthalle, mit Goldregen und epischen Landschaften inklusive. Epica ist eben immer mehr als Gesamtkunstwerk zu verstehen, Klang und Optik gehen hier eine atmosphärische Allianz ein. Auch das neue „Unleashed“ gerät wunderbar episch, Simone richtet sich in einwandfreiem Deutsch an uns und begrüßt uns artig. Die Gitarrenfraktion mit Mark Jansen und Isaac Delahaye ballert standesgemäß, „Never Enough“ kommt enorm tight daher, bevor es mit dem leicht orientalisch angehauchten „Sirens“ ein Wiedersehen mit der guten Charlotte gibt, während das Duett zum Haute Couture Event avanciert: der Garderobenunfall scheint behoben, Charlotte und die sich permanent umkleidende Simone strahlen im Abendkleid – „nice dress, very sexy!“, lobt Simone die Kollegin. Wir schließen uns unumwunden an. Zu „Tides of Time“ – einer schönen Ballade, zu der wir die Grönemeyer-Winkehände einschalten dürfen, fährt ein Klafünf empor, das Herr Janssen kompetent bedient, bevor mit dem ausladenden „Grand Saga of Existence“ eine effektive Mischung aus den typischen Epica-Zutaten Melodik, heftigen Attacken und Grunzeinlagen folgt. Und ganz nebenbei erringt Simone mit der erneut neuen Klamotte endgültig den Titel der Bürgermeisterin von Senkelhausen, den üblicherweise Elize mit nach Hause nimmt. „We love playing new songs“, werden wir nun informiert, „because this means not again Cry for the Moon”. Späßle gemacht, natürlich kommt nun der alte Gassenhauer, der 2003 ein gewaltiges Ausrufezeichen setzte und seitdem zur Kategorie das muss in die Setlist gehört.

„Fight to Survive“ bringt hingegen wieder eine Nummer vom aktuellen Album, dann versichert uns Simone wieder in astreinem Deutsch: „München, es war ein magischer Abend!“ Dass nicht Schluss ist, das sollte keinen überraschen, aber eine kleine Überraschung gibt es doch noch: „You know, it’s Simone’s birthday today! She is finally 28!“ Freudig wandern Charlotte Wessels und Elize Ryd auf die Bühne, überreichen der Kollegin eine Torte Idie launig dankt: “I am old enough, now I can have cake for breakfast and for lunch!”) und zeigen dabei auch, dass sie nochmal in den Kleiderschrank gegriffen haben – wäre vielleicht etwas kommoder gewesen als der Ledermantel, aber sei’s drum. Nach dem „Last Crusade“ folgen wir der Aufforderung, nochmals alle gemeinsam zu hüpfen, sehr gerne: „Beyond the Matrix“ kennt man eben und feiert die Nummer standesgemäß ab. Wir danken, sind weidlich beeindruckt und machen uns um Schlag 11 auf den Heimweg. Bestens!