Bergziegen auf dem Zebrastreifen: wir schlängeln uns ran mit The Gems, King Zebra und Mia Karlsson

29.03.2026 Backstage München
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Slithering through Europe: unter diesem Motto kredenzen die Gems ihre zweite Scheibe „Year of the Snake“ auch livehaftig. Da ist jede Menge Frauenpower garantiert!

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir den vorigen Arbeitgeber bestaunt, da rücken die ehemaligen Donnermütter Guernica Mancini, Mona Lindgren und Emlee Johansson in ihrer neuen Inkarnation als The Gems an. Den mehr oder weniger ruppigen Rauswurf durch Thundermother-Chefin Filippa Nässil haben die drei offenkundig gut weggesteckt und für einen fulminanten Neustart genutzt: nach dem schon viel beachteten Debut „Phoenix“ legen die Damen mit „Year of the Snake“ massiv nach. Und das scheint zu zünden: eigentlich hatten wir die Sause ja im lauschigen Club verortet, aber weit gefehlt, der Tross macht in der geräumigeren Halle halt. Wir nehmen es wohlwollend zur Kenntnis.

Auf unser Rätselraten, wie denn die drei Namen auf den Ankündigungsplakaten zu deuten sind, gibt es alsbald die Antwort: ganz alleine, nur bewaffnet mit einer akustischen Sportguitarre, betritt eine Holde die Bühne, die sich höflich als Mia Karlsson vorstellt und kraftvolle, emotionsgeladene Akustik-Songs zu Gehör bringt. Zwischendrin lüftet sie dann auch noch das Geheimnis, warum da im Hinterkopf bei uns irgendwas klingelt: „It’s good to be back.

I was playing here many years ago, with another guitar and my band Crucified Barbara”. Oha, wir recherchieren flugs in den digitalin Weiten und konstatieren: 2012 war das, als wir diese Formation in der seligen Garage Deluxe erlebten. Viel sei geschehen zwischnezeitlich, berichtet die gute Mia, die wohl einige persönliche Tiefen überwinden musste, was wohl aber mittlerweile gelungen ist. Hier und heute brilliert das Songmaterial wie „Raindrops“ oder auch „Would You“ ebenso wie die stimmliche Darbietung. Die dauert gerade einmal 15 Minuten (Frau Karlsson humorig: „If you do not like acoustic songs, you don’t have to wait very long”), wird aber sehr wohlwollend goutiert. Und es soll auch zu einem baldigen Wiedersehen kommen – später mehr dazu.

Jetzt schauen wir erst einmal ins Publikum und stellen fest, dass wir definitiv den Altersschnitt senken – junge Schlachtenbummler sind handverlesen, der Hardrocker ist heute eher gesetzt. Macht nichts, Stimmung ist gut, über die Bühne huscht im Leoparden-Umhang ein Klaus Meine vor 30 Jahren-Lookalike, der sich als Art guter Geist irgendwie um alles kümmert. Das Backdrop kündet schon von der nächsten Kombo, die sich nun auch beherzt ins Zeug wirft: King Zebra aus der Rock-Metropole Zürich feuern ihren waschechten 80er-Sound in die Menge, als ob MTV gerade mal seit 3 Jahren existiert. Fronter Eric St. Michaels ist dabei wohl der einzige Mitstreiter, der die goldene Dekade des Glam noch live miterlebt und seinen Kollegen die Plattensammlung ans Herz gelegt hat. Nummern wie „You’re so wicked“, „She don’t like my Rock’n’Roll” oder “Firewalker” liefern astreine Vibes à la Mötley Crüe und Skid Row, glänzen jeweils mit einem starken Auftakt und liefern mehr als brauchbare Qualität. Dabei drischt niemand anders als ein gewisser Ben Grimm auf die Felle – und wie schon bei den Fantastischen Vier gilt dabei: jetzt geht’s rund! Man freut sich über den großen Zuspruch, dankt artig und legt mit den Saitenhelden Roman Lauer und Jerry Napitupulu eine energiegeladene Show hin, die Laune macht. Auch wenn der Request des Genrefreundes Sebbo nach „Davy‘s on the road again“ nicht erfüllt wird. Ist ja auch ein leicht anderes Jahrzehnt.


Networker Sebbes berichtet nun von seinen Schwierigkeiten, den heutigen Besuch im sozialen Umfeld zu vermitteln („wie heißen die? Kems? Tschems? Gemsen?“ – einigen wir uns anstelle der Bergziegen eher auf Edelsteine, immerhin hatte ja schon Geisterjäger John Sinclair stets eine gnostische Gemme zur Hand), während gute Klaus wieder emsig bei der Sache ist, man baut das Schlagwerk von Herrn Grimm ein wenig um, Frau Lindgren selbst – schon im feschen, gut gelüfteten Bühnenbeinkleid – befestigt eine kleine Kamera am Mikroständer, und sogar ein Becher Tee wird in Griffweite platziert. Warum das so ist, das sehen wir dann umgehend, als die drei Damen vom Grill auf die Bühne springen: zum Opener des neuen Albums „Year of the Snake“ wirft man sich massiv ins Zeug, es ist beleuchtungstechnisch eher blau bis finster, aber Frau Mancini erstrahlt im schmucken güldenen Barbarella-Outfit mit Flash Gordon-Blitzen, kurzer Hose und massivem Schuhwerk dennoch – nur ausgerechnet beim Refrain schüttelt sie ein kleiner Hustanfall, bei dem die gute Mona vokalistisch eingreift. Aha, deshalb der Tee, „Touring is not kind to your voice“, informiert uns die Fronterin später. Egal, diesen kleinen Ausrutscher lassen wir hinter uns und schwingen mit „Queens“ und dem auf Scheibe sperrigen, hier ordentlichen „Send me to the wolves“ weiter durchs Programm, das die gute Emlee trotz oder vielleicht wegen kleinerer Schießbude druckvoll vorantreibt. Die Frage, wer denn bei der Dreierformation den Tieftöner bedient, löst sich ebenfalls alsbald: die Dame am Bass kennen wir doch, die war doch eben grade schon mal hier – genau, die gute Mia Karlsson, eben noch akustisch unterwegs zupft hier gekonnt und wirft auch ihre stimmlichen Qualitäten in die Waagschale. Bei „Clout Chaser“ (hat nix mit Wolken zu tun, erklärt man uns) packt Guernica eine fesche Kuhglocke aus, das groovige „Go along to get along“ kündigt sie als Disco-Ausflug an, bevor dann das swingende „Hot Bait“ kühle ZZ Top-Vibes verströmt. Bei „Live and Let Go“ fragt uns Guernica ab, ob wir den Song den kennen – immerhin sei das das erste Video der neuen Scheibe gewesen „in which we premiered these outfits!“ Die melodiöse Nummer läuft bestens rein – man hat sich definitiv vom AC/DC-orientierten Hard Rock der Thundermother-Schule emanzipiert und kredenzt facettenreichen, teils melodischen, teils durchaus heftigen Metal der sehr gekonnten Art.

Nach der getragenen Halbballade „Forgive and Forget“ schlüpft Frau Mancini zum Ohrwurm „Gravity“ in eine Glitzerjoppe, und zur Ansage von „Stars“ informiert sie uns nun: „There are so many of you – we are a little bit nervous!“ Müsst ihr gar nicht sein, die Vorführung ist beherzt, energetisch und vor allem ohne jedes nervige Füllmaterial (auch genannt Schlagzeugsolo und Mitsingspielchen). Weiter im Programm geht’s mit den Groove-Knallern „Math Ain’t Mathing“ und „Buckle Up“, dann gibt es ein feines akustisches Medley (offenbar ließ man sich von Frau Karlsson inspirieren) aus „Ease your pain“, „Running“ und „Fruits of My Labor“, bevor es dann eben doch ein Mitsingspielchen gibt, allerdings der witzigen Art: Frau Guernica reicht ein Extra-Mikro in der Menge herum, jeder darf sich mal an einem geschmetterten „Firebird“ versuchen – die Ergebnisse reichen von eher überschaubar bis zu durchaus beachtlich. Mit einer echten heavy-Attacke wartet dann „Diamonds in the rough“ auf, dann befragt uns Frau Mancini „have you ever tasted Vietnamese moonshine?“ Einer ruft tatsächlich „yes! – Did you like it? No!!“ Kein Wunder, selbstgebrannter Fusel muss nun mal nicht sein, aber als Inspiration zu „Happy Water“ nehmen wir das Zeug allemal. Dann verschwinden sie auch schon, aber mehr oder weniger halb, es soll ja doch weitergehen, immerhin ist ja Sonntag. Bei „Like A Phoenix“ nimmt Frau Mancini dann nochmals alle stimmliche Hilfe in Anspruch, die sie bekommen kann, das tun wir gerne, keine Ursache. Das obligatorische Foto folgt, dann ist Feierabend – wir sagen gerne wieder!