Fang den Hut mit Michael: wir gehen in die Sauna mit Steel Panther

30.06.2026 Backstage München

Europe Twenty Twenty S€X – unter diesem wie stets sehr dezenten Titel reisen die Könige der Glam-Parodie Steel Panther aktuell wieder durch die Lande. Ob sie’s noch können, davon mussten wir uns natürlich überzeugen. Kurz: sie können!

Ein blonder Herr in Spandex wirft Hüte umher, die seine Kollegen geschickt mit ihren Instrumenten fangen. Exotische Tänzerinnen, die an zwei Stangen rechts und links virtuose Akrobatik vorführen. Geschätzt dreißig junge Damen, die die Bühne in ein veritables Gewusel verwandeln. Zu all dem tropische Temperaturen. Sind wir aus Versehen in einem Etablissement für die finanziell anspruchsvoller gestaltete Unterhaltung gelandet? Weit gefehlt, Steel Panther sind inda house, und was die Recken der augenzwinkernden Glam-Hommage heute aufs Parkett werfen, dürfte alle Nörgler verstummen lassen.

Den Abgang von Basser und Gründungsmitglied Lexxi Foxx (the x stands for Sex, wir erinnern uns) musste man 2021 erst mal verkraften, das nach wie vor aktuelle Album „On The Prowl“ von 2023 knüpfte trotz der brillanten Single „1987“ nicht ganz an die Glanzstunden des Debuts „Feel the Steel“ und dem Geniestreich „Balls Out“ an (hierzulande weiterhin indiziert und daher nicht bei den einschlägigen Strömungsdiensten zu haben - wohl dem, der den Tonträger sein Eigen nennt und sich nicht nur auf dem Mann im Internet verlässt). Ihr Ausritt im Zenith (im Februar 2018 auf der Lower the Bar-Tour) war zwar ordentlich, aber die Songqualität der neueren Titel hinkte dann doch bisweilen merklich – die „Heavy Metal Rules“-Reise 2020 ließen wir aus, insofern sind wir sehr gespannt, was uns heute erwartet.

Zunächst einmal ist das ein picke packe ausverkauftes Backstage Werk, was anfangs noch nicht so auffällt: zu den Klängen des Supports lässt sich der ein oder andere Schlachtenbummler noch draußen vor der Mega-Leinwand nieder, wo ein Wikinger namens Haaland gerade seinen Gegenspielern das Fürchten lehrt. Wir schauen uns die Damen und den Herren von Lucy Sue natürlich gerne an, die um 19.50 die Bühne entern und erdigen, knalligen Hard Rock servieren. Das Wasser beginnt recht schnell von der Decke zu tropfen, auf den Ventilatoren auf der Bühne erspähen wir Steel Panther-Aufkleber – sehr großzügig, dass man auch den Spezialgästen ein wenig Frischluft gönnt. Die Formation aus Frankreich wirft sich mit Gusto ins Geschehen, Fronterin Lucy tritt im schmucken Football-Shirt mit Guiness-Logo inkl. Harfe auf, während der einzige Herr auf der Bühne als astreiner Johnny Depp in seiner Rolle als Ed Wood (komplett mit Schlafanzug) durchgehen würde. Nummern wie „Famous Last Words“ oder „Reckless“ wissen durchaus zu gefallen, und Humor hat die Dame auch: „do you have kids? They don’t listen, do they, even when you say was hat die Mama denn gesagt!” Nach einer guten halben Stunde verabschiedet man sich artig.

Die vorderen Ränge füllen sich nun zunehmend, wir erspähen diverse Schlachtenbummler in der standesgemäßen Tracht (Spandex, Perücke und Bandana) – die Vorfreude steigt sichtlich, so wie auch die Temperaturen, die tropisches Niveau erreicht haben. Rechts und links werden zwei deckenhohe Stangen aufgebaut, man hat eine vage Idee, was sich hier gleich abspielen wird, als zu einem „Balls to the Wall“-Intro (ein Schelm etc.) nicht nur die vier Herren auf die Bühne schlendern, sondern sich auch zwei eher spärlich bekleidete Damen an eben diese Stangen klemmen, um dort ihre Hüpfschwungkünste vorzuführen. Los geht’s standesgemäß mit „Eyes of a Panther“, die Nummer zündet sofort, Satchel wirft die Riffs wie immer locker aus den immer doch eindrucksvollen Oberarmen, Stixx Zadinia sorgt für den nötigen Vortrieb – Fronter Michael Starr kämpft zwar mittlerweile mit etwas lichterem Haar und hat dem jugendlichen Aussehen augenscheinlich ein wenig zu viel nachgeholfen, aber seine Bühnenpräsenz mit Flash-Oberteilchen und Stern-Mikroständer funktioniert immer noch prächtig. Auch der Lexxi-Nachfolger am Tieftöner Spyder wirft sich massiv ins Geschehen und kann gesanglich kompetent unterstützen, was dem guten Michael durchaus unter die Arme greift. Ohne Pause geht’s weiter mit „Tomorrow Night“, man möchte sich immer wieder wegschmeißen über die schiere Brillanz der frühen Stücke („Britney Spears is making out with Christopher Walken, in the backyard Iron Maiden is rocking, the couch is on fire but nobody cares, Charlie Sheen is waiting in the bedroom upstairs” – besser kann man eine absurd-überzogene Hommage an die Glam-Party-Klischees nicht bringen), der Energielevel passt trotz der desaströsen Hitze, die sogar meinen Fotoaufkleber nahezu auflöst: jawohl, konstatieren wir, die Formel funktioniert, und vor allem die Songauswahl bleibt lobenswerterweise nahezu ausschließlich auf die Geniestreiche beschränkt. An dieser Stelle auch einen Respekt für die Organisation in unserem Wohnzimmer Backstage: die offizelle Auflage ist, dass die Fotoapparate nach den ersten beiden Songs aus der Halle gebracht werden müssen – nur wie soll dann der geneigte Berichterstatter weiter das Geschehen verfolgen? Kurzerhand dürfen wir unter Geleitschutz flugs in einen Bürocontainer hinter der Bühne hüpfen, laufen dabei quasi Backstage durchs Backstage und huschen dabei auch an den beiden Tanzdamen vorbei, die gerade kurz Pause haben. Sehr adrett! Zurück wieder vor der Bühne haben wir keinen Song verpasst, denn nun beginnt erst einmal die Comedy-Show, die auch zu einem Steel Panther-Gig gehört. Die Gagdichte ist enorm, man kann das alles gar nicht notieren, einiges davon kennen wir schon („he is the best drummer – in this band“, „Munich is one of the 12 heavy metal capitals in this region of Bavaria“), geht wie gewohnt tief unter die Gürtellinie („seine Schwanze ist ein bisschen kleine“), aber wir schmeißen uns trotzdem amüsiert weg und nehmen das wunderbar politisch Unkorrekte sehr gerne zur Kenntnis. Auch direkter Publikumsbezug wird spontan eingebaut, einem Rauschebart ruft man zu „Santa Claus is here! Say hello to Santa! He has cocaine, it’s going to be a white Christmas!“ Zum Evergreen „Asian Hooker“ holt man sich wieder eine sichtlich beeindruckte Dame mit entsprechendem Einschlag auf die Bühne, bevor wir uns bei bei „Just Like Tiger Woods“ eine weitere parodistische Sternstunde zu Gemüte führen dürfen. Ist das aus der Zeit gefallen? Vielleicht, tagesaktuell ist der Stoff beileibe nicht mehr, aber dem Fun Faktor tut das keinen Abbruch. „Friends With Benefits“ vom On The Prowl-Album kommt zwar bei der Meute gut an, fällt aber qualitativ zweifelsohne etwas ab. Dass man auch musikalisch durchaus eindrucksvolles Können mitbringt, das zeigt Satchel jetzt mit einem gekonnten, dankenswerterweise aber auch nicht allzu in die Länge gezogenen Solo.

Ordentlich zur Sache geht’s dann bei einem der Schlüsseltracks „Death To All But Metal“, Michael hat sich in ein weißes Ozzy-Shirt geworfen, die Nummer kommt mit der gebotenen Ruppigkeit (und ohne jede Zensur des lyrischen Textes), und die Schlachtenbummler beginnen ein erstes ordentliches Gerammel. Nun ergeht man sich in eher seicht-spaßigen Provokationen über die Mutter von Michael, in die auch Stixx einstimmt – was nur auf „The Mother’s Day Song“ hinauslaufen kann, mit dem man sich 2026 per Single nach drei Jahren zurückmeldete. Die Nummer wirkt trotz spaßigem Video, einer Parodie auf den berühmten Beatles-Auftritt in der Ed Sullivan-Show, im Vergleich zu den brillant-überzogenen Nummern textlich eher krude – Haken dran, „1987“, die Elegie auf das zweifelsohne genialste Jahr der Metal-Geschichte, zündet umso mehr, inklusive einer ganzen Reihe von Anrufen alter Größen mit einem sarkastischen Seitenhieb: „We miss you, Lemmy! We miss you, Jimi Hendrix! We miss you, Ronnie James Dio! We miss you, Vince Neil! – Hey, he isn’t dead! – Ok, we miss the old Vince Neil!” Nun kommen wir aber endgültig zur bunten Mitmach-Show, man bittet eine Dame auf die Bühne, die sich auch relativ schnell findet und auf dem Barhocker Platz nimmt, um den sich die Herren nun gruppieren. Spontan (mit sicher geplanter Basis, aber durchaus auch auf die selbstbewusste Holde zugeschnitten) trällern nun nacheinander alle Musikanten ein kleines Ständchen, wobei vor allem Stixx durchaus brauchbare Gesangskünste beweist. Das gilt im Übrigen auch für die Dame selbst, die sich mit Michael ein durchaus beachtliches Gesangsduell liefert – „holy shit, she can sing“, konstatiert der Kollege erstaunt, bevor man die ultimative Tour-Klischee-Hommage „Girl from Oklahoma“ mit feinen akustischen Vibes vom Stapel lässt. Nach weiteren Späßchen („go get some T-Shirts, they are just 45 Euros, and we have a special deal today, two for 90!”) gibt Michael nun das Zeichen zur ganz großen Bühnenerstürmung: mehr oder weniger alle Damen, die geneigt sind, sollen doch bitte die Bretter entern, die Organisation ist auf den Ansturm vorbereitet, und so steht der massiven Wuhling nichts im Wege, mit der das unnachahmliche „17 Girls in a Row“ treffend untermalt wird. Nackte Tatsachen gibt es im Unterschied zu frühen Tagen nicht mehr zu bestaunen, umso launiger schwingt Michael das Tanzbein mit immer neuen Mitstreiterinnen – sehr fannah, fürwahr. Jetzt gehen wir schon auf die Zielgerade, „Party Like Tomorrow is the End of the World” gerät zur fröhlichen Massensause (mitsamt der brillanten Aufforderung „poke a silver back gorilla in the eye“, wenn eh schon alles egal ist). Einen weiteren, kollektiv mitgesungenen Höhepunkt liefert das feine „Community Property“ („I never showed Michael the chords to this, but then someone put in on YouTube, and now he has the power”, schwadroniert Satchel über seinen mitklampfenden Sänger), bevor dann das eher rumplige „Gloryhole“ – begleitet von einem massiven Moshpit – die Party beendet. Wir werden flugs wieder zum Container mit unserer Ausrüstung geleitet und treffen dabei wieder auf die beiden Tanzdamen, was dann einen besonders hübschen Schlusspunkt liefert. Wer mit dem Rezept provokant-augenzwinkernde Parodie nichts anfangen kann, dem wird Steel Panther auch weiterhin verschlossen bleiben – aber wer die Formel schätzt, der kann live weiterhin seine diebische Freude haben, das sei an dieser Stelle vollumfänglich versichert.