Aktentasche, Mittagessen, Mann auf der Kante: wir feiern Jubiläum mit Blaze Bayley

26.07.2026 Backstage München

An Evening with Blaze Bayley! Unter diesem Motto begeht der ex-Maiden-Fronter derzeit quasi einen runden Geburtstag. Da müssen wir natürlich gratulieren!

Iron Maiden Anniversary, so prangt es auf den Backdrops, und nachdem ganz bestimmt kein Hochzeitstag gemeint ist, denken wir kurz nach und müssen prompt wieder eine dieser irreführenden Falschbehauptungen konstatieren. Blaze Bayleys Debut nach der Verabschiedung von Bruce Dickinson, dafür lief doch immer Werbung im englischen Fernsehen, als ich Mitte der 90er (freiwillig, man glaubt es kaum) diverse Jahre in diesem kuriosen Land zubrachte – das seinerzeit neue Album „The X Factor“ wurde da angepriesen, man schrieb das Jahr 1995. Womit seit letztem Jahr, und das ist eben genau das irreführende, 30 Sommer verflossen sein sollen, was der gute Mann als Anlass einer Werkschau seiner beiden Beiträge zu Maiden-Kosmos (1998 folgte ja noch das unter Fans wenig geliebte „Virtual XI“) nimmt.

Wir sinnen nicht näher über diese Abseitigkeiten nach (das heißt schließlich für uns nichts Gutes und kann somit gar nicht sein), sondern nehmen die Beine in die Hand: Schlag 19.30 geht es zu den Klängen von „Doctor Doctor“ auch schon los (wer braucht nochmal eine Vorgruppe, wenn das Set die 2 Stunden Marke locker überschreitet?), vorher galt es, sich durch eine etwas angepasste Wegführung in die Halle vorzukämpfen: „everything so free and easy“ ist gerade wieder das Motto im Backstage, in der Open Air Arena gibt sich Blazes Landsman Justin Sullivan mit seiner New Model Army die Ehre, das Gelände platzt aus allen Nähten. Und das gilt auch für die Halle, die picke packe voll ist. Wir gönnen es ihm! Gerade kommen wir vorne an, da legt die Kombo auch schon mit dem Stakkato zu „Lord of the Flies“ los. Chris Appleton, seit 2013 neben seiner eigenen Formation Absolva mit dem Cheffe unterwegs, überzeugt wie immer mit Präzision und Finesse, und auch wenn der Bass-Sound von Luke Appleton (hier bleibt alles in der Familie) etwas laut daherkomt, bedient er das Sportgerät doch fulminant (und wie der Übervater des Instruments Mr Harris ohne Plektrum). Der Zeremonienmeister selbst schreitet wie immer komplett schwarz daher, mit einer Arbeitshose, in deren zahlreichen Taschen er diverse Sächelchen unterbringen könnte.

Das Mikro hat er wie immer in einem Boxansager-Entertainer-Shop erstanden, das grüne Kabel ist wie ein Verband um die Hand gewickelt, und los geht’s. Er ist sichtlich gut gelaunt und vor allem angetan von der vollen Hütte: bis ganz hinten quetschen sich die Schlachtenbummler in der Halle, der begrüßt uns sehr zuvorkommend, es sei eine Ehre, her aufspielen zu dürfen, erstmals beim Free And Easy Festival. Auch beim Eddfest in Knebworth konnte er ja schon eine beachtliche Menge begeistern, und ganz offenkundig hat er endgültig seinen Frieden mit den Historie geschlossen – was auf Gegenseitigkeit beruht, immerhin wurde er (nach kleinen Protesten aus der Fanbase) zusammen mit seinen ehemaligen Kollegen in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen und trat auch bei der Kinopremiere des Maiden-Films „Burning Ambition“ prominent auf dem roten Teppich auf. Mit „Justice of the Peace“, „Judgement of Heaven“ und „Blood on the World’s Hands” bedient Blaze sich einstweilen weiter aus der X-Factor-Trickkiste, die zeigt, dass das seinerzeit als eher düster geltende Album vor allem live unzweifelhafte Qualitäten hat. Blaze agiert dabei wie immer dräuend, schlägt mit den Fäusten Löcher in die Luft und legt sich massiv ins Zeug – das ist alles andere als Dienst nach Vorschrift, sondern echte Begeisterung von einem, der es definitiv nicht immer leicht hatte. „You are fantastisch!“, lobt er uns nun wieder, „I love your city, when I was in Maiden, you treated me so kindly!” Jetzt folgt ein kleines Intermezzo, das allerdings durchaus in den Kontext passt: „The next song I wrote when I was on the Virtual XI tour, for what I hoped would be my third Maiden album. But then my friend returned, and I put it on my first solo album Silicon Messiah” – dass es kein böses Blut zwischen ihm und seinem Vorgänger/Nachfolger Bruce gibt, dass bestätigte mir der immer sympathische Kollege ja schon in unserem Plausch anlässlich seines letzten Besuchs. Die nun folgenden Stücke „Born as a Stranger“ und „The Brave“ stehen folgerichtig stilistisch sehr nahe beim typischen Gehoppel aus dem Maiden-Universum, können qualitativ aber nicht gänzlich mithalten. Mit „Lightning Strikes Twice“ gibt es dann eine erste Kostprobe von Virtual XI, bevor dann das düstere „Sign of the Cross“, seinerzeit Opener beim X Factor, zum einen absolut brillant ist (Atmosphäre und Melodieführung absolut unschlagbar), aber eben auch die Tatsache schlagend wird, die für so manche Nummer der beiden Alben gilt: die Stücke, die auch nach Bruces Rückkehr im Live-Kanon auftauchten (wie in diesem Falle auf der „Metal 2000“-Tour anlässlich der Reunion-Scheibe „Brave New World“), bei denen denkt man natürlich unwillkürlich die Dickinson-Interpretation mit, die in Bandbreite und Virtuosität halt nun mal unerreicht ist (in diesem Falle zu studieren auf „Rock in Rio“).


Hier und heute lassen wir das allerdings mal gut sein, feiern den Song nach allen Regeln der Kunst ab – und zaubern damit ein breites Lächeln ins Gesicht des Maestro, der uns glaubhaft versichert: „I am living my dream – here and now!“ Nach weiteren Solo-Nummern („Calling You Home“, „A Thousand Years“) gibt es dann eine nette kleine Anekdote über seine erste Songwriting-Zusammenarbeit mit Dave Murray: „He said I will come over to your house, and the only thing I was obsessed about was what do I offer as dinner? Schnitzel? Well, in the end he only took the cheese sandwich”. Mit “When 2 Worlds Collide” geht es weiter im Virtual XI-Reigen, dicht gefolgt vom auch heute noch omnipräsenten einzigen unbestrittenen Highlight des Albums: „The Clansman“ wird, komplett mit Eddie-Highlander-Kopf im Hintergrund, ordentlich kredenzt, wobei – wir sparen uns die Dickinson-Live-Set-Vergleiche, das hatten wir schon. Und die Frage, ob der Song nicht eigentlich vom deutschen Nationaltrainer während des Sommermärchens handelt („Debbie, ich bin de Klinsmann!“), das ergründen wir auch nicht weiter. Viel lieber nehmen wir da eine ruhige Akustik-Einlage, bestehend aus „2 AM“ und dem wohl kuriosesten Maiden-Song „Como Estais Amigos“, den Blaze nutzt, um sich als Sozialarbeiter zu verdingen: er mahnt uns eindringlich, niemals aufzugeben, immer weiterzumachen, auch wenn es trübe aussehen mag, „Don’t give up, don’t let go!“, irgendwie scheint er sich auch ein wenig selbst anzusprechen – nach einigen düsteren Zeiten mit „15 Tickets, 30 Tickets sold“ weiß er in der Tat, wovon der spricht. Auf social media tummelt er sich nicht, so teilt er uns nun mit Verve mit, wer sich als Blaze ausgibt, ist ein Scammer, „They are not Blaze Bayley – I am Blaze Bayley, and they are the Virus!“, was die Single ankündigt, die 1996 speziell für die Compilation „Best of the Beast“ gezimmert wurde und wie immer ein wenig sperrig daherkommt. Mit dem alten Schlachtross „Wrathchild“ gönnt sich Blaze nun sogar eine Nummer, die nicht aus seinem eigenen Maiden-Kanon stammt und die er - eher in Paul di’Anno Manier interpretiert – mit Schmackes abfeuert. Die vielleicht krachigste Nummer aus seiner Maiden-Ära kündigt er dann mit maximalem Animationswirbel an, er leiht sich sogar Bruces berühmtes „Scream for me“ aus (hat er bestimmt mit seinem Kumpel abgestimmt), der die Nummer seinerseits auf der Ed Hunter-Tour launig mit „a story about a briefcase, a lunch and a man on the edge“ ankündigte (festgehalten als B-Seite der „Wicker Man“-Single von 2000 und dann nochmal auf der Zusammenstellung „From Fear to Eternity“): die Geschichte von D.Fens, der vollständig durchdreht, ist in jeder Fassung ein Garant für kollektives Ausrasten (man kann es ja auch verstehen - immerhin wollte er nur frühstücken). Jetzt beschwört uns Blaze erneut, wir sollen unsere Zukunft in die Hand nehmen, „take your future and make it real“ – „Futureal“ gibt dann letztmalig die Chance zum Abwägen (Bruce zimmerte die Nummer auch auf der Ed Hunter-Tour ins Rund, mitzuerleben auch auf der Wicker-Man-Single), aber Blaze zeigt sich auch hier auf der Höhe, auch wenn die letzten stimmlichen Klippen nicht mehr so ganz umschifft werden. Völlig egal, mit einem mächtigen „Doctor Doctor“ geht es jetzt auf die Zielgerade, die Instrumentalfraktion zeigt in kurzen Solo-Ausflügen ihre ganze Klasse (spaßige Sound-Zitate wie „For whom the bell tolls“, „Out in the Fields“ und „Balls to the Wall“ inklusive), bevor dann die Virtual XI-Single „Angel and the Gambler“ (komplett Maiden-untypisch, aber als Rausschmeißer passend) die Sause beendet. Auf dem Rausweg verlaufen wir uns noch ordentlich, so kennen wir das Backstage eben gar nicht, aber irgendwann schaffen wir es dann doch noch und empfehlen uns bis zum nächsten Mal.