Deutscher Stahl, garantiert rostfrei: Udo Dirkschneider geht zurück zu den Wurzeln... und Anvil kommen mit!

31.03.2016, Backstage, München
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Schöne Dinge werden besser, je öfter man ihnen entgegentritt – und wenn etwas auch bei der gefühlt 1000. Darbietung immer noch zur Begeisterung gereicht, dann kann das doch eigentlich nur von einer unzerstörbaren Qualität künden. Wenn also gleich zwei Formationen mit dem gleichen Material die Arenen füllen, muss etwas dran sein, und wenn das zeitloser Edelstahl aus Solingen ist, ist das genau unser Vorgarten. Eine gewisse Schnittmenge zwischen Udo- und Accept-Konzerten gibt es ja seit jeher, aber dass der Original-Fronter eine Gastspielreise unternimmt, auf der er ausschließlich Stücke aus der güldenen Accept-Ära bis zu seinem Ausstieg darbietet, das ist dann doch etwas Besonderes, da sind wir natürlich dabei, zumal die im Vorfeld kursierende Setlist denn nun wirklich zum Beifallklatschen angetan war.

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Das denken sich an diesem frühlingshaft warmen März-Abend (über die Temperaturen wird noch zu sprechen sein) wohl noch einige andere, und so tummeln sich schon früh nicht wenige Schlachtenbummler auf dem Backstage-Gelände, das wir pünktlich um 19 Uhr entern und a) feststellen, dass man mich als „Bachmann Dirk“ notiert hat, was wir schnell aufklären, und b) dass die Chose ja schon begonnen hat. Palace stehen da schon auf der Bühne und servieren der durchaus achtbaren Menge ihren zutiefst klassischen, deutschen Sound. Dabei zeigt sich der Vierer aus Speyer gut gelaunt, Fronter Harald "HP" Piller macht uns zu „Iron Hordes“ den Animateur und sieht dabei ein bisschen aus wie der alte Piratenchef Rock’n’Rolf. „Women Need Leather“ läuft ebenso gut rein, und wir haben kurz Zeit, uns umzuschauen - heute sind wir endlich wieder mal bei den Jüngeren, stellen wir fest, insgesamt scheint das Auditorium in großen Teilen von den Harley-Tagen entflohen (wo man ja durchaus gut situiertes Klientel antrifft, man täusche sich nicht), und vor allem in meiner nächsten Nähe möchte man große Mengen des Grave Digger-Shampoos ausreichen. Leute! Nach „Healer“ und 30 Minuten ist Schluss, ein guter Auftakt, deutsche Qualitätsarbeit – „da kannste nix falsch machen. Wie beim Pfannkuchen Backen“, resümiert Starkoch Sebbes.

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In der Umbaupause huschen dann einige Gestalten über die Bühne, die der geschulte Beobachter gleich als die kommenden Akteure selbst erkennt: ja, Anvil werden ihrem Ruf gerecht und legen bei den letzten Vorbereitungen selbst Hand an. Die Kanadier genießen seit dem wunderbaren Film The Story Of Anvil, der 2008 zum Szenehit geriet, ja einen kultigen Ruf, den sie sich mehr als verdient haben. Mitte der 80er teilten sie sich Bühnen mit Whitesnake, Bon Jovi und den Scorpions, sie beeinflussten Metallica und Anthrax und schienen auf dem Sprung in die erste Liga - den sie allerdings nie schafften, stattdessen vollständig in der Versenkung verschwanden. Liebevoll zeigt der Film von Sacha Gervasi, wie die Schulfreunde Lips Kudrow und Robb Reiner unermüdlich dennoch an ihrem Traum festhalten, sich mit Aushilfsjobs durchschlagen, beharrlich neue Alben veröffentlichen und gegen alle Widrigkeiten auch nach 30 Jahren immer noch den Durchbruch schaffen wollen. Der wird wohl auch heute abend nicht endgültig gelingen, aber man muss von dem Enthusiasmus und der Begeisterung, den die Kollegen unermüdlich vortragen, einfach beeindruckt sein. Lips schnappt sich seine Gitarre, ruft „We are Anvil – and we play heavy fucking metal!“ in seine Gitarren pick ups, und los gehts mit dem Instrumental “March Of The Crabs”. Lips macht seine bewährten Grimassen, Robb bearbeitet die Felle wie gewohnt mit Kopftuch, und die nächsten Nummern „666“, „Oooh Baby“ vom ersten Album und das schmissige „Badass Rock’n’Roll“ werdem vom Publikum durchaus goutiert, auch wenn sich ein richtig durchgängiger Stil nicht zeigen will. Lips hüpft unbekümmert über die Bühne und freut sich sichtlich wie ein kleines Kind über die Publikumsreaktionen – und darüber, dass die Bude voll ist. Basser Chris Robertson legt mit seinen Slippern eine flotte Sohle hin, während der Ein-Mann-Fanclub in der ersten Reihe komplett ausrastet. „Free As The Wind“ widmet Lips dann Lemmy (der geht schließlich immer – und Lips hat angabegemäß einst ein Angebot ausgeschlagen, bei Motorhead einzusteigen…), der Piratensong „Daggers And Rum“ erzeugt shanty-Atmosphäre, bevor dann beim ausladenden Japan-Monster-Epos „Mothra“ das Markenzeichen zum Einsatz kommt: grinsend bearbeitet Herr Kudrow sein Instrument mit einem glitzerigen Vibrator. Bei „Swing Thing“ darf Robb Reiner dann sein durchaus komplexes Drumming vorzeigen, aber das Highlight ist natürlich der Bandklassiker schlechthin: „Metal On Metal“ setzt auch heute einen achtbaren Schlusspunkt. Immer wieder schön, trotz des teilweise etwas wirren Stilmixes freut man sich an der schieren Unbekümmertheit und Unverdrossenheit der Akteure, gönnt ihnen jede Sekunde auf der Sonnenseite und wünscht nur das Beste.

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Das erwartet uns auch jetzt, den anstelle des üblichen „U.D.O.“-Logos prangt einfach nur das Wort „Dirkschneider“ hinter dem Drumkit – nuff said, es folgt der einzig wahre German Tank, der keiner großen Ankündigung bedarf. Die gibt es aber doch in Form eines kleinen Intros („Just A Gigolo“ erweckt fürchterliche Erinnerungen an die Monsters Of Rock 1988 in Schweinfurt, als David Lee Roth zu diesem Gedudel die Boxentürme erklomm und der mehrfach vorgetragenen Aufforderung „Spring! Spring!“ leider nicht nachkam) und einer deutlich spannenderen Soundcollage aus den Songs, die uns gleich erwarten. Und der Auftakt ist denn auch gleich nach Maß: mit dem treibenden Riff von „Starlight“ steigt die Kombo mit dem Opener des Breaker-Albums ordentlich aufs Gas. Die Akteure sind die gleichen, die wir auch schon beim letzten Udo-Ausritt erleben konnten, komplett mit Dirkschneider-Filius Sven hinter der Schießbude. Der Meister himself springt natürlich wie stets im Tarngewand hervor und zeigt sich stimmlich bestens aufgelegt – das hier entscheidende Reibeisen glänzt rostfrei, er gurgelt und krächzt wie 1987, und dass das Tarnhemd pro Konzertreise eine Konfektionsgröße zu gewinnen scheint, ist daher zweitrangig.

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Hossa, was ein Auftakt! Gesegnet mit gutem Sound, massiver Lightshow (Profifotograf Sebbes beklagt wieder das schlechte Licht, aber auf dergestaltes MiMiMi gehen wir gar nicht mehr ein) und sofort steil gehender Menge bolzt sich Herr Dirkschneider mit „Living For Tonite“ und dem sehr lange nicht gehörten „Flash Rockin‘ Man“ weiter durch seine Historie. Obwohl hier und heute doch sicherlich Zeit und Ort für einige spaßige Anekdoten aus der Geschichte wäre, zeigt sich Udo wie gewohnt nicht als Plaudertasche, sondern beschränkt sich auf kurze Fragen nach unserem Wohlergehen („seid ihr gut drauf?“). Macht nichts, wenn wir dafür solche Klassiker wie die (seinerzeit ja durchaus kontrovers diskutierten) „London Leatherboys“ und gleich danach den „Midnight Mover“ bekommen, wollen wir uns definitiv mal nicht beschweren. Hier geht was, keine Frage. Das Dauergrinsen der beiden Gitarreros Andrey Smirnov und Kasperi Heikkinen („das ist ja wie in der Casting-Show! Gleich kommt der Bohlen!“, meint mein Mitstreiter) kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Instrumentalfraktion – trotz der unbestrittenen Qualität und mehr als ordentlichen Inszenierung der Stücke – an die Raffinesse, messerscharfe Riff-Akzentuierung und bei aller Präzision fast schon unverschämte Lässigkeit eines Wolf Hoffmann nicht ganz heranreicht. Aber wen kümmert das, wenn wir nun den massiven Brecher „Breaker“ erleben können, aus meiner bescheidenen Warte einen der heftigsten und teutonischsten Metalsongs ever? Sauerei, geht das ab. Udo macht zu den Solo-Einlagen lustige Gesichter, stellt sich neben seine Mitspieler, durchmisst die Bühne, wie man ihn eben kennt. Genau so muss das sein, und auch das wunderbare „Head Over Heels“ bringt er stimmlich absolut punktgenau.

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Auch „Neon Nights“ liefert einen echten Kracher ab, bevor dann „Princess Of The Dawn“ unter Beweis stellt, warum Accept zu Recht stilprägend waren: atmosphärisch, heavy, höchst melodisch. Genial. Nun schließt sich eines der wenigen Stücke an, die nicht unbedingt zum essentiellen Kanon gehören: „Winterdreams“ ist eine hübsche Ballade, aber nicht gerade erste Garnitur, aber das bügelt dann ein  Doppelschlag aus: „Restless And Wild“, die Signaturmelodie ihres vielleicht vollendetsten Signaturalbums, bricht in der Mitte jäh ab und geht in ein ruppiges „Son Of A Bitch“ über, das Udo fast schon genüßlich herausquetscht – wunderbar. Jetzt endlich leistet er sich dann doch einmal einen kleinen Gag: „Das nächste Stück ist von…oh Mann, diese ganzen blöden Alben…ah ja, Metal Heart glaube ich!“ Stimmt, Udo, „Up To The Limit“ ist von dieser Scheibe, wir helfen ja gerne. Das treibende „Wrong Is Right“ übrigens auch, die zweite und letzte Nummer, die ich jetzt nicht unbedingt gebraucht hätte – dann lieber „Love Child“ oder „Shake Your Heads“, aber das sind Petitessen in diesem Rahmen, der heute aufgespannt wird. Spätestens bei „Midnight Highway“ bricht im Saal die Mitsing-Freude aus, und die Temperatur, die bislang schon wohlig war, steigt ins schweißtreibende gefühlt Unermessliche. Sack und Asche, so heiß habe ich den Laden noch kaum erlebt…“Screaming For A Love-Bite“ vollendet dann die gesamte erste Seite (ja, liebe Kinder, das war bei LPs noch so, die musste man umdrehen) des Metal Heart-Albums, und mit dem „Monsterman“ kommt dann auch endlich Russian Roulette zu Ehren, der letzte Ausritt der klassischen Accept-Besetzung, der schon seinerzeit zeigte, dass sie sich von ihren ruppigen Wurzeln entfernt hatten und auf glattere Gefilde schielten. In die gleiche Kerbe schlägt das schnelle „TV War“, und mit dem lustigen „Losers And Winners“ (Beziehungsberatung à la Accept: write a letter, what’s the matter) ist dann erst einmal Schluss. Wir schauen uns schweißtriefend an, „das ist ja ein Marathon“, kündet Sebbo, und mein ebenfalls angereister Kollege aus dem bürgerlichen Büroleben sieht aus wie nach einem Endspiel plus Verlängerung. Aber egal, mit der rhetorischen Frage „Könnt Ihr noch?“ kommt er wieder und zelebriert wie stets natürlich noch „Metal Heart“, komplett mit klassisch angehauchter Solo-Partie, die hier sehr gut und sauber klingt, aber bei Wolf…naja ihr wisst schon.

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Die Menge stimmt sich jetzt schon einmal mit „Heidi heido heida“-Chören ein, aber Udo wehrt noch ab: „Das spielen wir heute gar nicht! Jetzt kommt was, das kennt eh keiner“ – also doch ein Scherzbold, nach all den Jahren…das Lied vom Eimer (jaja, nicht nur W.A.S.P. haben eines) „I’m A Rebel“ zerrt heute ganz gewaltig, ist schnell und mit Energie dargeboten. Top! Da ist selbst der von mir liebevoll so genannte Mr. Mötley Crüe - natürlich wieder dabei, was sonst? - fast versucht, seinen Hut abzusetzen. Nur fast, wohlgemerkt. Aber jetzt gibt es dann doch die Volksmusik-Gesänge, jawohl meine Herren, bitte anschnallen, mein Kollege weiß nicht ob er zuerst mitfilmen oder mitbangen soll: „Fast As A Shark“, wohl einer der ersten Speedmetal-Songs (sagt zumindest Scott Ian, und der muss es wissen) knallt aber sowas von rein, dass es eine Art hat. So langsam geht das echt an die Substanz der Angereisten, aber man kennt keine Gnade: „Balls To The Wall“ zementiert einmal mehr seinen Ruf als DER Accept/Udo/Teutonenmetal-Song überhaupt, mit einem der stilprägendsten Riffs überhaupt, einem Mega-Refrain und tonnenweise metallischer Schwere (und mit Bällen hat das gar nichts zu tun, im Übrigen, sondern bedeutet „mit dem Rücken zur Wand“. Hat er mit mal erklärt seinerzeit im Interview). So, aber einer fehlt und geht auch noch: mit dem Überrocker „Burning“ erledigt uns Herr Dirkschneider nun vollends, wobei er selbst feststellen muss: „irgendwann muss auch mal Schluss sein“. So ist es. Wie die gebadeten Katzen verlassen wir das Rund, sinnieren noch über die treffliche Songauswahl, die ungebrochene stimmliche Präsenz des Cheffes, die musikalische Inszenierung - ohne Fehl und Tadel, im Original aber einen Zacken besser – und die bemerkenswerte Tatsache, dass wir gerade erlebt haben, wie 30 Jahre alte Songs eine Halle füllen und zum Kochen bringen. Das ist metallische Güte allererster Kajüte – aber das hatten wir ja eingangs schon.