Sonnenfinsternis des Nachts: wir schauen zum Himmel mit Xandria, Seven Spires und Tulip

30.09.2026
Backstage München

Eclipse! Mit diesem vielsagend betitelten neuen Werk bereisen die Symphonic-Recken von Xandria derzeit die Welt. Und weil wir hier ja eine durchaus langjähre Verbundenheit hegen und vor allem auch vor kurzem üben konnten, wie man am besten in eine echte Sonnenfinsternis blinzelt, sind wir natürlich mit dabei.

Auf dem Hinweg denke ich mal kurz darüber nach, wie lange ich Marco Heubaum und die verschiedenen Inkarnationen seiner Formation nun schon verfolge, immerhin waren das so ziemlich die ersten Gehversuche in Richtung Interview und Konzertreflektionen. Der Gedankenpalast gibt die Information nicht gerne preis, also recherchieren wir: 2004 waren wir zum ersten Mal dabei, in der längst verflossenen Garage Deluxe, seinerzeit auf der „Ravenheart“-Tournee. Schnell 22 Jahre vorspulen, nach der Reaktivierung seiner Kombo mit „Reborn“ im Jahr 2022 zeigt sich Cheffe Marco Heubaum unverändert emsig und kreativ. Nach der ersten vollumfänglichen Scheibe „The Wonders Still Awaiting“ von 2023 und der EP „Universal Tales“ legt die nach wie vor aktuelle Besetzung (mit einer kleinen Ausnahme, dazu später mehr) nun mit „Eclipse“ nach und kredenzt wieder ein Füllhorn von melodisch-symphonischem, gelegentlich auch hartem Metal, garniert mit der zauberhaftigen Stimme von Frontelfe Ambre Vourvahis.

Mit im Paket reisen die Genre-Kollegen von Tulip, die ich aus Gründen aber leider verpasse – aber nicht ganz, man ist ja irgendwie eine große Familie. In der Backstage Halle tummelt sich eine ordentliche Meute, ein sehr freundlicher Kuttenträger notiert interessiert meine Ausrüstung und räumt seinen Platz an der Bühne, „so you can take some better fotos!“ Danke schön, ich quetsche mich an den Rand und verbringe den Rest des Abends auf gefühlt 50 Quadratzentimetern, dafür aber bei bester Sicht. Los (oder vielmehr weiter) geht’s jetzt aber erst einmal mit Seven Spires aus Boston, die ihren Symphonic Metal mit deutlichen Einschlägen von melodischem Death herzhaft in die Menge pfeffern. Chef Jack Kosto feuert die Riffs dabei mit scharfer Kante ab, während Fronterin Adrienne Cowan mit Plastikteufelshörnchen, blonder Mähne und massivem Schuhwerk daherkommt wie eine Mischung aus Alissa White-Gluz und Daenerys Targaryen. Den gepflegten Grunzer hat die Dame in jedem Fall im Repertoire, was sie bei Nummern wie „Succumb“ und „Almosttown“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Für alle Zu-Spät- Gekommenen wie mich gibt sich dann bei „Lightbringer“ und „Love’s Souvenir“ auch sogar Tulip-Frontfrau Ashleigh Semkiw (teilweise in schwarzer Witwe-Schleier) nochmal die Ehre zu einem melodic-growl-Gipfeltreffen, das sich gewaschen hat. Das finale, epische „Gods of Debauchery“ gerät dann allerdings ein wenig zu ausladend-verfrickelt, aber sei’s drum: Seven Spires setzen in jedem Fall ein ordentliches Ausrufezeichen.

Die Umbaupause gestaltet sich kurz, das massive Backdrop kündet vom Eclipse-Cover – dann schlendert Schlagwerker Dimitrios Gatsios (eben noch beim 70 Kilo Bankdrücken, jetzt hier bei uns auf der Showbühne) herein, winkt fröhlich du nimmt hinter der Schießbude Platz. Saitenhexer Robert Klawonn (Hemd wie gewohnt im Piratenstyle ziemlich offen) positioniert sich links, während Obermeister Marco mit der mittlerweile bekannten Kombi Wuschelmähne und Rauschebart agiert – und zwar, wie mir erst auf den zweiten Blick auffällt, an einem für ihn eher ungewöhnlichen Sportgerät. Ging da etwas an mir vorbei? In der Tat: der vormalige Basser Tim Schwarz versucht seit einiger Zeit mit seiner eigenen Formation sein Glück, weshalb Meister Heubaum nun selbst in die tiefen Saiten greift. Das klappt durchaus famos, wie die ersten Klänge des Titeltracks der neuen Scheibe zeigen. Als die Mikroschwingerin dann die Bretter betritt, gibt es Aufhebens allenthalben – und wieder darf man notieren, dass die zahlreichen Festival-Auftritte und Myriaden Hallenkonzerte bei Präsenz und Stageacting ihre Spuren hinterlassen haben. Frau Vourvahis agiert souverän, stimmlich auf der Höhe und vor allem äußerst sympathisch. Nach „Colours“, einer weiteren Single von Eclipse, zu der Marco die titelgebende Fahne schwenkt, setzt es dann gleich eine Portion Klassiker-Alarm: mit „Ravenheart“ greifen sie weit zurück in die Historie, „da ist ja sowas wie unser Smoke on the Water“, beschrieb Marco das mal so treffend in einem unserer Interviews. Immer noch eine schöne Nummer, aber in Sachen symphonischer Macht sind die neueren Stücke dann doch ein kleines Eckchen heftiger. „Universal“ von der gleichnamigen EP schlägt gehörig ins Kontor, die Nummern sind auf Ambres Timbre (schön, gell?) bestens abgestimmt. Zum folkigen „The Shannon’s Home“ werden wir zum kollektiven Tanz aufgefordert, den Marco und Herr Klawonn schon mal vorsorglich für uns vorführen. „Forevermore“ gefällt wie immer famos, zu „The Grand Delusion“ zeigt Ambre dann, dass sie nicht nur passend zur Oktoberfest-Zeit die Königin des Wiesn-Balkong ist, sondern auch bei Sharon den Adel eine Stunde Ausdruckstanz genommen hat, so schlängelt und wiegt sich die Dame apart im Takt. Zum epischen „Two Worlds“ (optimistisch, das freut uns) schaltet Ambre dann den Haarrotor ein, bevor „The Last Generation“ (eher betrüblich-warnend) eher nachdenkliche Töne anschlägt, die vom Handy-Lichtermeer (früher war mehr Feuerzeug!) begleitet werden. „Dance a little more!“, fordert uns Ambre nun auf, und zum „Northstar“ tun wir das durchaus gerne – bevor dann mit dem programmatischen „Reborn“ dann erst einmal Schluss ist. Man applaudiert sich gegenseitig, scheint rundum zufrieden und kehrt zu „Valentine“ nochmal zurück.

Diese Nummer aus der Phase mit Dianne van Giersbergen wird nach allen Regeln der Kunst abgefeiert, wobei immer wieder der Vergleich zwischen dem betont exaltierten Stil der Vorgängerin und der eher eingängigen Herangehensweise von Frau Vourvahis für Faszination sorgt. Nach dem ebenfalls umjubelten, mächtigen „Nightfall“ (auch aus der Dianne-Ära) verabschiedet man sich artig – wie immer sind wir rundum zufrieden, ich wickele mich aus meinem Mini-Plätzchen und wandere ab. Wobei ich mir denke, irgendwann, irgendwann kommen ja vielleicht nochmal die alten Gassenhauer dran – „Now and Forever“, „Sisters of the Night“, „Save my Life“, das wäre doch mal wieder was. Wir dürfen ja hoffen, oder?