Kirchenmusik mit Schlitz im Kleid: wir gehen zum Kommunionsunterricht bei Dogma

Um Himmels willen – die Nonnen kommen! Genau, Dogma feiern wieder ihre dunkle Messe, und zwar direkt in unserer Gemeinde. Wir treten ein und lauschen den Chorälen.

Nach dem vielumjubelten Auftritt beim Wacken Open Air und einer folgenden, kleinen Clubtour beehren die Damen von Dogma unter dem launigen Motto “Free Yourself” wieder Europa – in Deutschland gibt es insgesamt vier Ansetzungen, die sich größter Beliebtheit erfreuen. Auch die Show im Backstage findet nicht wie zu erwarten im Club, sondern in der mittelgroßen Halle statt – und die ist schon im Vorfeld ratzekahl ausverkauft. Als ehemalige Messdiener mit echtem Nonnenkindergarten-Background (mit so manchem Arbeitseinsatz, hat uns nicht geschadet) müssen wir da natürlich hin! Man kann über das Konzept sicherlich geteilter Meinung sein: wie beim großen Bruder Ghost führen da maskierte, anonyme Protagonistinnen eine spaßige Horrorshow auf, zu Songs, die sich ein findiges Produzententeam einfallen lässt. Dabei dreht sich auch schon mal das Personalkarussell – durchaus medienwirksam beklagte sich die offenbar jäh abservierte Erstbesetzung jüngst über mangelnde Entlohnung und Mitspracherechte. Der Idee tuts keinen Abbruch, die neuen Damen knüpfen nahtlos an den wachsenden Zuspruch an und setzen die Erfolgsformel durchaus furios um. Nach der ersten Station in Hamburg steht heute eben unser Wohnzimmer Backstage auf dem Programm, wobei sich trotz emsiger Recherche keinerlei Vorgruppensupportinfo ausmachen ließ. „Da sind wir ja um neun wieder daheim!“, mutmaßt Arbeitszeitrechtler Sebbes, aber wir werden belehrt: ein wohl flugs engagierter DJ spielt uns vom Mischpult aus kommentarlos sage und schreibe eine Stunde lang 80er-Metal vor. Muss man jetzt nicht unbedingt haben, aber sei’s drum.

Anstelle daheim stehen wir also schlag 9 Uhr parat, als mit einem durchaus ohrenbetäubenden Intro die finstere Sause ihren Lauf nimmt: auf einer tiefrot beleuchten Bühne, flankiert von Backdrops, auf denen diverse ausschweifende Szenerien zu sehen sind, nimmt die Kombo ihre Plätze ein und marschiert – natürlich – mit dem Album-Opener „Forbidden Zone“ los. Vom lyrischen Anfang geht die Nummer in groovigen Stampfrock über – vom ersten Moment an ist klar, dass es hier um das geht, was man im gehobenen Feuilleton als Gesamtkunstwerk bezeichnet: Inhalt und Form bilden eine Einheit. Im Klartext: die fünf Nonnen agieren aschfahl geschminkt, mit weißen Kontaktlinsen im hochgeschlitztem Einheitsfrack und führen dabei eine optische Inszenierung vor, die daherkommt wie eine Mischung aus Pilates und Poledance: vor so viel Squats kann man nur noch den Hut ziehen („die haben heute mindestens hundert Kniebeugen gemacht“, zollt Sportlehrer Sebbes später Respekt). Vor allem Fronterin „Mother Lilith“ (in der jüdischen Mythologie die erste Frau Adams, die sich aufmüpfig gab, aus dem Paradies flog und später zur dämonischen Figur avancierte) und Bassnonne „Nixe“ (das Konzept der Kunstnamen steht durchaus in der Tradition echter Ordenssschwestern, die auch bei uns im Kindergarten verheißungsvolle Namen wie Schwester Johannila oder Schwester Otfrida trugen, die für uns immer ein wenig nach exotischen Gewürzen oder Speiseeis klangen) erteilen uns permanent kostenfreie eGym-Stunden und testen dabei, wie flexibel das wallende Beinkleid ist, das durchgängig beachtliches Schuhwerk enthüllt. Ansonsten räkelt man sich lasziv und untermalt so die durchgängige Thematik zwischenmenschlicher Eskapaden – aber wer nun vermelden möchte, das sei doch alles nur Show und keine Substanz, dem sei entgegnet, dass die Damen das Material gekonnt und durchaus einen Zacken härter aufs Parkett werfen als auf Konserve. Irgendwo in der Schnittmenge zwischen AOR, Rock und modernem Metal oszillieren die Nummern - das nun folgende „Feel the Zeal“ schwingt sehr melodisch, während „My First Peak“ eher schwer-grooving (mit Synchron-Übungen aller Grazien dazu) daherstampft.

Wer dachte, das Ganze entwickle sich weitgehend ohne Interaktion, der sieht sich getäuscht: gut gelaunt wendet sich Lilith nun in sehr passablem Deutsch an uns: „Hallo München! Na? Wir sind alle viel zusammen, oder?“ Volle Hütte meint die Dame wohl, wir bestätigen das, bevor es mit „Made Her Mine“ weiter im Programm geht. Lilith stellt gütig fest: „This is how I like it, this room is packed full!” – mit “Banned” und “Fate Unblinds” gibt es dann Gleich zwei neue Nummern zu bestaunen, wozu wir befragt werden: „Ich hoffe, Du hast das neue Video gesehen?“ Haben wir nicht, holen wir natürlich gerne nach. Lilith führt nun aus, es sei durchaus heiß hier drin, “like in our home – hell” – wobei wir die Location schon deutlich hochgradiger erlebt haben. Beim galoppierenden „Carnal Liberation“ zeigt sich dann, dass die aktuelle Lilith deutlich weniger akzentbeladen intoniert als ihre Vorgängerin (wo das schon mal spaßig wie „carrnival of sinne“ klang), während auch die Saitenbiegerinnenfraktion mit Lamia (kennen wir aus dem Gruselgedicht von John Keats, gelle) und Rusalka sowohl sound- als auch posing-technisch brilliert. Deutlich druckvoller und sogar mit dem ein oder anderen twin guitar attack-Moment agiert das Duo und beweist, dass es kluger Schachzug war, der in den Anfangstagen noch alleine schrubbenden Rusalka Verstärkung angedeihen zu lassen.

Das Tourmotto „Free Yourself“ läuft standesgemäß rein, „Bare to the Bones” Kracht ebenso ordentlich ins Kontor, und vor allem Nixe zeigt, wie echte Fannähe aussieht – wiederholt springt sie an die Absperrung, lässt sich bereitwillig für Selfies ablichten und nimmt sogar einem verdutzten Schlachtenbummler den Schlaufernsprecher aus der Hand, dreht auf der Bühne ein schmackiges Video und gibt den Apparat dann getreulich wieder zurück. So muss das! Auch auf der Bühne versammelt frau sich immer wieder zur verruchten Familienfoto-Pose, und musikalisch kredenzen sie uns dann mit „Like A Prayer“ eine Coverversion, die stimmlich vielleicht nicht ganz astrein daherkommt, aber inhaltlich passt wie die Faust aufs Kontaktlinsenauge. Fesch! Zur Ansage des langsam-atmosphärischen „Make Us Proud“ verrät uns Lilith dann wenigstens noch ihre Herkunft: „I hope your English is better than my Dutch German“, oha, aus dem Female Fronted Metal Mekka Holland kommen wir also. „This one is about masochism“, vergnügt sich Lilith jetzt, „you are German, you should know about this.” Was auch immer das über unsere Einschätzung durch das Nachbarland aussagen mag – der Song kracht ordentlich, danach muss hinter der Bühne flugs eine Saite neu aufgezogen werden, man maskiert das Ganze als Zugabenpause – weiter im sakralen Text mit dem wunderbar eingängigen „Father I Have Sinned“, das die Meute begeistert goutiert, bevor dann der „Dark Messiah“ den Abschluss macht. Holy Mother, was ein galanter Abriss! Frauenpower vom Feinsten, alle Hater sollen einfach den Sand in den Kopf stecken – auch wenn das bei uns im Kindergarten marginal anders ablief, sagen wir: Halleluja!