Ein Weltmeister der Herzen, süße Verführungen und kräftige Geister: das Q2-Tasting in Wort und Bild

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Wenn sich Jogis Leute schon eher unrühmlich aus vielbeachteten Wettbewerben verabschieden, dann tut es umso mehr Not, gute Gepflogenheiten aufrecht zu erhalten. Nicht zuletzt deshalb traf sich die Q-Gruppe zur regelmäßigen Verköstigung verschiedenster feingeistiger Getränke.

Der Wanderpokal des Ausrichters stand dieses Mal wieder eher in Richtung meiner ehemaligen Heimstatt, so dass eine kleine Anreise vonnöten war, die die Deutsche Bahn allerdings (im Gegensatz zur Abenteuerreise zu den Gunners in der Woche zuvor) äußerst zuverlässig absolvierte. Sogar einen zweiten Schlachtenbummler aus der Ferne konnte man dabei erfolgreich einsammeln und somit gemeinsam den Ort des Geschehens aufsuchen.

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Dort steht dann wie gewohnt eine reichhaltige Auswahl bereit, aus der dann zutiefst basisdemokratisch die tatsächliche Versuchsanordnung zusammengestellt wird. Das Beiblatt (für Ihre Notizen) bietet keinerlei Angriffsfläche, obwohl man das Ganze sicherlich noch laminieren und rahmen könnte. Den Anfang macht heute – passend zur aktuellen Lage, aus der just kurze Zeit vorher mit Argentinien nach Deutschland nun auch der zweite ehemalige Finalist das aktuelle Turnier nur noch von der Couch aus verfolgen darf – eine Sonderausgabe des uns wohlig bekannten Schwäbischen Hochland-Whiskys. Unter der Flagge Finch WM-Whisky zeigt Gerhard Fink durchaus Weitblick: prompt zum Endspieltag der letzten Ansetzung, also am 13.07.2014, destillierte man im Hause Finch diesen Brand, der laut Etikett „fast 4 Jahre“ in einem ex-Bourbon-Fass lagerte. Hübsch verpackt und mit einem WM-Logo verziert, ist der Tropfen seit 14.06.2018, also prompt zum WM-Start, exklusiv nur direkt im Finch Online-Shop erhältlich. Reichlich hell tritt er uns entgegen (gefärbt wird hier offenkundig lobenswerterweise nicht) und verbreitet zunächst einmal einen etwas eigenwilligen Duft nach Holz, der den einen oder anderen Feingeist unserer Runde an die österreichische Spezialität Zirbenschnaps erinnert. Auf den zweiten Riecher kommen dann allmählich die ausgelobten Vanille- und Kokosnoten hervor, die sich auch auf der Zunge zuerst einmal Bahn brechen müssen – der Vertreter aus dem Schwabenlande zeigt sich mit seinen 42% ein wenig eigenwillig und herausfordernd, bevor er sein Vanille- und Honigaroma freigibt. Dennoch einigen wir uns auf einen guten Einstieg und notieren gerne auch noch, dass man neben dem WM-Trost noch eine gute Sache unterstützt: der Verkaufserlös von 49.-€ geht bei jeder 3. Flasche direkt an die Gerhard Fink durchaus nahestehende Kinderhilfsaktion Herzenssache e.V., und das ist ja wohl allemal wichtiger als eine vergurkte Weltmeisterschaft.

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Sehr satt dagegen steht dann der Glengoyne 10 Jahre im Glas, obwohl auch hier keinerlei Färbung zum Einsatz kommt. In der hier vor uns stehenden Ausgabe ist der Tropfen nicht mehr erhältlich, dennoch probieren wir die Restbestände gerne und stellen schon in der Nase eine wunderbar süße Note fest, über der die für diesen Kollegen typischen Anklänge an Äpfel und Nüssen schweben. Leicht und sehr gefällig kommt er mit seinen gerade mal 40% auch auf dem Gaumen daher, mit wunderbarem Apfelgeschmack und Noten von Malz – und auch einen kleinen Hauch Sherry meinen wir in der lang anhaltenden Süße ausmachen zu können. Angesichts eines mehr als fairen Preis-/Leistungsverhältnisses kann der Glengoyne uns auf voller Linie überzeugen – wir sind sehr gespannt, welchen Eindruck wir vor Ort bei unserer im Herbst anstehenden Getränkereise mitnehmen, die uns auch zu dieser Brennerei führen wird. Schön!

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Lead on, Macduff! So lautet das geflügelte (und leicht falsche) Zitat aus Macbeth, das auch jetzt seine Gültigkeit hat. Denn ebenfalls zum allseitigen Gefallen gereicht uns der neunjährige Macduff aus der Signatory Vintage-Reihe, die ja immer für besondere Leckerbissen sorgt. Mit 813 Flaschen exklusiv für den deutschen Markt bestimmt, tritt uns der Kollege mit einer wunderbar kräftigen, roten Farbe entgegen, während er einen Duft von dunklen roten Früchten und Rosinen verströmt. Das first fill Sherry Butt verfehlt seine Wirkung also nicht – und auch auf der Zunge punktet der Mackie mit voller Frucht (Orange und Rosine kommen hier zur Sprache), die allmählich Noten von Eichenholz und Gewürzen freigibt. Ganz leicht brennt er mit seinen 46%, der Herr, auch im würzigen Abgang, weshalb wir hier gerne ein Tröpfchen Wasser zugeben, worauf der seine ganze Qualität entfaltet. Vollmundig, ausgewogen, charakteristisch. So muss das!

Jetzt aber wenden wir uns zunächst einmal einer kleinen Stärkung zu, die in Form von Wurstwaren aus eigener Herstellung (die Wurstsportgruppe wirkte hier wieder segensreich), einem schmackigen Brot und vor allem einem Gesellenstück aus der lokalen Brauerei Schlappeseppel: mit echtem Hipster-Bart-Mann Bild und einer kurzzeitig erhältlichen Spezialausgabe springen die Aschaffenburger auf den Craft Beer-Zug auf. Für diese Edition 4 findet der Sud Verwendung, den Gary Boothe als sein – Achtung – Gesellenstück ablieferte: ein untergäriges Märzen, das exakt an einem Tag gebraut wurde und nur kurz erhältlich sein wird. Mit 5,9% und dank Spezialhopfen Polaris vollmundig-frischem Geschmack bescheinigen wir hier allzu gerne die mit Bravour bestandene Gesellenprüfung. Well done, Mr Boothe.   

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Nun aber weiter zu den ausgesuchten Köstlichkeiten der spirituellen Ebene: mit dem Tomatin Port Wood Finish 14 Jahre kommen wir nun ins Grenzgebiet von Speyside und Highlands. Diese Version, die eine 12monatige Nachreifung in Portweinfässern erlebte, entfaltet mit einer hübschen Farbe ein zauberhaftes Aroma von roten Beeren, Früchten und Marmelade. Wie auch andere Port-Finish-Kollegen erinnert uns auch der Tomatin mit angenehmen 46% im Geschmack an einen Rumtopf oder auch eine Fruchtbowle, wobei sich auch Anklänge an Nüsse und Pfirsiche hineinstehlen. Bestens rund und ausgewogen, so lautet die einhellige Meinung der Tester, die auch im Abgang einen anhaltenden Fruchtgeschmack attestieren. Preislich ebenfalls eher am unteren Rand angesiedelt, hat der Tomatin hier und heute beste Aussichten auf den Gruppensieg.    

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Für das Finale teilen wir uns dann nochmals auf: eine Abteilung stellt dem Tomatin den schon bestens bekannten Bowmore Darkest gegenüber, der die letzten drei seiner 15 Jahre in Oloroso-Sherryfässern verbringt. Auch hier regiert die Rosine, die dunkle Schokolade und das Komp(l)ott, im Geschmack brillieren die liebgewonnenen Karamell- und Sirup-Noten, während der Abgang deutlich an den Sherry gemahnt. „Der schnalzt!“, ruft diese Fraktion aus – die hier vorliegende Ausgabe ist nicht mehr erhältlich, aber im Hause Bowmore ist natürlich schon für einen Nachfolger gesorgt. Abteilung 2 wendet sich einstweilen dem Tropfen zu, den Delain-Fronterin Charlotte Wessels stets im Tourbus mitführt (uns allerdings nicht kredenzen wollte): eine neue, 10jährige Ausgabe des Port Charlotte gilt es zu Bestaunen, die den bislang erhältlichen Scottish Barley ohne Altersangabe ersetzt. Diese deutlich rauchige Variante (50 ppm stehen hier zu Buche) aus den Hallen der progressiven Hebriden-Brenner von Bruichladdich tritt uns in einer stylischen schwarzen Röhre entgegen – und in einer ebenso gefärbten Flasche, die durchaus für kontroverse Reaktionen sorgt. Irgendwie auf alt getrimmt soll das wohl aussehen, mit eingeprägter Schrift – nun ja, uns kommt es ja eher auf den Inhalt an. In der Nase erwartet rauchig, mit Zitrusfrüchten und Kräutern tritt er an, auf der Zunge legen sich dann die 50% spürbar mit großer Kraft, allerdings auch vehementer Süße: Eiche und Vanille paaren sich hier zu einer charakteristischen Note. Im Abgang hält die gute Charlotte sich gefühlt ewig, zurück bleibt süße Frucht und angenehmer Rauch. Beim nächsten Interview müssen wir den unbedingt mal gemeinsam probieren, nicht wahr, Frau Wessels?

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Kurz vor Spielende – ja, wir bleiben in der WM-Welt – werfen wir dann noch einen Blick auf einen besonderen Special Guest: kurz nach unserem Besuch vor Ort brachten die rührigen Brenner aus Rüdenau ja das Batch 4 des Spirit of St. Kilian unters gespannte Volk. Just seit heute (also 30.06.) ist die auf 3000 Flaschen limitierte Vorschau auf das fertige Werk zu haben, und schon kredenzt uns einer unserer Sympathisanten ein Schlückchen des Brandes, der es immerhin auf eine Lagerzeit von 16 Monaten bringt. „Jetzt wird’s peaty!“, so kündet die Botschaft, und in der Tat können wir das durchaus bestätigen. Der Lagerzeit verbrachte diese Kombination aus dem White Dog und Turf Dog in sieben unterschiedlichen Eichenfässern – genauer gesagt Ex Bourbon Quarter Casks, neue Fässer aus amerikanischer Weißeiche und vor allem in Ex-Islay-Behältnissen - , was in einer deutlichen Rauchnote zum Tragen kommt. Mit seinen 46% gibt sich der Spirit allerdings überraschend mild und dezent, mit Noten von Marzipan und Torf. Gefällt uns ausnehmend, dieser Lokalmatador – man darf auf die dieses Jahr noch ins Haus stehende erste reguläre Abfüllung gespannt sein.  

Wie stets stellte sich somit auch dieses Mal heraus, dass ein Tasting (anders als ein WM-Spiel) nicht 90 Minuten dauert und am Ende kein eindeutiger Sieger feststeht. Aber das ist in diesem Zusammenhang ja in jedem Falle wünschenswert.