München macht Metal: So war das Rockavaria 2016...

Olympiastadion München
27.-29.05.2016

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Die beste Band der Welt! Gnadenlose Sonne! Mindestens zwei Bühnen! Eine "Kinovorführung" auf der Suche nach Publikum und ein Teil des Publikums auf der Suche nach dem Samstagsheadliner!  Weltuntergang mit kriegerischer Begleitung von Sabaton! All das und noch viel mehr war geboten, als das Rockavaria dieses Jahr in die zweite Runde ging. Wir nehmen es gleich vorweg (in der Anzugträgerwelt heißt das executive management summary): Es gab viele traumhafte Momente, die befürchteten Probleme (keine Olympiahalle? Wie soll das bitte gehen?) blieben aus, aber dafür gab es bekannte (epischer Weg zur Toilette, dann hinten stehen) und auch andere, wahrhaft elementare Herausforderungen (ein bisschen Regen gefällig?). Aber: Wir waren da! Und mit uns nach offiziellen Zahlen 38.500 andere fröhliche Besucher. Ein Erfolg also. Und ganz wichtig: Das Rockavaria 2016 war unterm Strich herausragend. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ausführlicher? Bitte sehr:  

Der Unkenrufe waren nicht wenige, als Ende letzten Jahres die wichtigsten Informationen zur zweiten Ausgabe des veritablen Münchner Rockfestivals durchsickerten: Es durfte wieder nicht gezeltet werden (die ganze „Ich will nicht duschen“-Zottelfraktion im Chor: ooohhh, schade – na, so ein Ärger), die Olympiahalle als Spielstätte wurde komplett gestrichen (letztes Mal war die allzu schnelle Schließung der Halle schon bei nur mäßig gefülltem Zustand in der Tat ein Ärgernis), stattdessen sollte es im Stadion zwei Bühnen nebeneinander geben. Da kamen selbst bei mir leichte Zweifel auf – sollte man nun stetig hin- und herhuschen? Hm. Das im letzten Jahr offenbar schon bei drei Besuchern überfüllte Theatron sollte durch eine großzügigere Seebühne ersetzt werden (verstanden). Und dann das Lineup. Früh kündigte sich Großes an: Mit Iron Maiden (vgl. oben, beste Band etc.) und Nightwish ging die Eliteklasse des Metiers an den Start und mit Slayer, Anthrax, Ghost, Powerwolf und Sabaton gab es genug weitere klingende Namen, um für wohlige Vorfreude zu sorgen. Tag 2 allerdings sorgte dann für Kopfschütteln: einen Film wollte man uns vorführen anstelle eines Co-Headliners für den Samstag. Und der sollte dann noch von einem Auftritt von Iggy Pop gekrönt werden, der wohl für das Nicht-Metal-Element sorgen sollte, das letztes Jahr noch die Britrocker von Muse beisteuerten. Verwirrung allenthalben, und drollig die Einträge in den einschlägigen Foren, als man ernsthaft diskutierte, wer denn nun wirklich der Samstags-Headliner werden würde. Sei’s drum, wenn Maiden „dahoam“ aufspielt, ist das schlichtweg alternativlos, die göttliche Floor gab‘s noch mit dazu, mehr Überzeugung bedurfte es nicht…

Der Freitag: Ein rosa Auftakt, Werwölfe, Cellos, Mittelaltermarkt und endlose Formen (wunderschön)

Fotos vom Freitag

J.B.O. - MEHR FOTOS...

…und so laufen wir (während ein Teil unserer Besetzung noch auf dem Comicsalon in Erlangen letzte Zeichnungen ergattert) am Freitag rechtzeitig zu den Klängen der Erlanger Lokalmatadoren von J.B.O. ins weite Runde des Olympiastadions ein. Ah, so ist das also mit der Doppelbühne: in der Tat zwei Spielstätten in traditioneller Wackenmanier nebeneinander, dazwischen keine Absperrung, also kann man wirklich einfach hin- und herpilgern. Das klappt im Verlauf des Festivals denn auch überraschend gut und das befürchtete Gerammel zwischen den Acts bleibt komplett aus. Wir sind ja schon zufrieden und sagen: Konzept gelungen! Eine schon mehr als nur beachtliche Menge feiert einstweilen mit den fränkischen Comedy-Metallern (mit denen wir dann noch ein ebenso lustiges wie informatives Gespräch führen konnten) das gewohnte pinke Fest der guten Laune, spaßigen Coverversionen, eigenem J.B.O.-Bier und durchaus kompetenter musikalischer Darbietung. Bei strahlendem Sonnenschein, der meinem mitgereisten Schlachtenbummler in seinem schwarzen Leibchen durchaus zu schaffen macht (ich dagegen habe mich für die klassische Metal-Farbe blau entschieden), laufen Nummern wie „I don’t like metal“, „Geh’n mer halt zu Slayer“ und „Verteidiger des wahren Blödsinns“ bestens rein und auch die Klassiker „Ein guter Tag zum Sterben“ (wie gewohnt fein akustisch) und der ultimative Rausschmeißer „Ein Fest“ ziehen die Butter heute durchaus vom Brot. Top Auftakt, immer wieder gerne!

Powerwolf - MEHR FOTOS...

Dank Doppelbühne geht es nun nahtlos weiter mit den immens populären Recken von Powerwolf, die live immer eine Bank sind und vor allem auf Festivals üblicherweise zu den Gewinnern zählen. So ist das auch heute: die energiegeladene Show von Attila Dorn, Falk Maria Schlegel und Co. weiß auch heute zu begeistern und mobilisiert trotz der frühen Stunde eine stattliche Besucherzahl. Den Einstieg machen sie erwartungsgemäß mit „Blessed And Possessed“, Herr Dorn dräut finster und brilliert stimmlich, Meister Schlegel macht uns den Animateur, und die Gitarrenfraktion steht wie eine Eins. Der Sound kracht ordentlich, die Bühne zieren die üblichen Devotionalien, und Sangesmeister Dorn fragt in seinem pseudoungarischen Akzent: „seid ihr bereit, mit uns die einzig wahre Heavy Metal Messe zu feiern?“ Wenn man bedenkt, dass der Herr im wahren Leben Leiter eines Baumarkts im Saarland ist (kein Gag!), macht das schon Laune. „Coleus Sanctus“ und der Kracher „Amen And Attack“ sorgen für Stimmung, die bei „Army Of The Night“ und dem wie stets mit einer beschaulichen Geschichte („Biene hat Roadie gestochen in Pipi“) eingeleiteten „Resurrection By Erection“ zu Köcheln beginnt. Beim hervorragenden „Let There Be Night“ zeigt Herr Dorn mit bester stimmlicher Leistung, dass er nicht umsonst schon in Musicals aufgetreten ist (auch kein Gag!), bevor dann „Werewolves of Armenia“ (mit hu! ha!-Rufen) und „We Drink Your Blood“ das Set beschließt. Na, wenn das mal kein Doppelhammer nach Maß ist! Wir freuen uns und sehen weiter.

Auf der Bühne 2 springen ohne Zeitverzug die ja durchaus kultigen Hardcore/Thrasher von Suicidal Tendencies auf die Bretter, aber der Bollersound der Amis (komplett mit Baseball-Caps und weißen Socken, die man als Hardcore-Jünger offenbar ganz nach oben ziehen muss, anders als auf der Wies’n also) fällt im Vergleich zum melodischen Power Metal von eben doch spürbar ab. Politische, sozialkritische Texte hin, ein agiler Mike Muir am Mikro her: Nummern wie „Trip At The Brain“, „I Saw Your Mommy“ und „Cyco Vision“ krachen zwar amtlich, aber die Stimmung ist deutlich verhaltener als bei den deutschen Vertretern. Mike Muir schwelgt in Erinnerungen an den Auftritt, den man im hiesigen Stadion mit Guns n’Roses 1993 absolvierte, holt haufenweise Kinder auf die Bühne und bietet ein Skateboard-Lied dar – lobenswert, aber nicht mehr. Nun denn.

Apocalyptica - Mehr FotoS...

Apocalyptica gebührt ja die seltene Ehre, ein Genre mehr oder weniger erfunden zu haben: die Idee, Metallica auf dem Cello zu spielen, hatte vor ihnen niemand, und dass dieses Konzept auch zwanzig Jahre (ja, man glaubt es kaum) nach dem Debüt „Apocalyptica plays Metallica by four cellos“ noch famos zündet, davon dürfen wir uns jetzt überzeugen. Die drei Herrschaften um den ziemlich blonden Eicca Toppinen legen sich wie gewohnt ins Zeug, zersägen ihre Instrumente förmlich, aus denen sie dank einiger elektronischer Effekte Klänge herausholen, die man in einem Cello gar nicht vermuten würde. Schlagwerker Mikko Sirén liefert dazu die passende Rhythmik (ganz in weiß gekleidet, aber Befürchtungen, hier folge nun der gleiche Unfug wie letztes Jahr bei Faith No More, sind natürlich vollkommen unbegründet, auch wenn Apocalyptica diese Herren schon gecovert haben). Am Start ist wie immer eine gute Mischung aus Covers und Eigenkompositionen: mit „Refuse/Resist“ kommt Sepultura zu Ehren, und bei den Eigengewächsen „I’m not Jesus“ und „House Of Chains“ kann dann auch Live-Gast-Sänger Frankie Perez seine Qualitäten unter Beweis stellen. Aber natürlich dürfen beim 20jährigen Jubiläum auch die Klassiker nicht fehlen: „Master Of Puppets“ zeigt wieder einmal, dass ein begeistertes Publikum einen Sänger durchaus ersetzen kann. Da lässt man sich natürlich nicht lumpen und schiebt mit „Seek And Destroy“ noch einen Metallica-Klassiker nach, der die Kuh abheben lässt. Herr Toppinen informiert uns jetzt, nun wolle man uns mit ein wenig Klassik bestrafen, aber wenn das darin besteht, eine furiose Version des Grieg-Meisterstücks „Halle des Bergkönigs“ (bekannt aus Fritz Langs legendärem Film M – und aus der gleichnamigen Scheibe von Savatage) zu erleben, dann nehmen wir diese Bestrafung doch gerne hin. Dann ein wenig Ratlosigkeit: „it seems we fucked up the setlist – we have 10 minutes left! “ Man berät kurz, was zu tun sei, aber nachdem wir ja Jubiläum feiern, führt an Metallica kein Weg vorbei: ein episches “One” liefert den Schlusspunkt eines mehr als gelungenen Ausflugs in die Welt der klassischen Saiteninstrumente. Kolossal!

In Extremo - MEHR FOTOS...

Atemlos nicht durch die Nacht, sondern durchs Stadion geht es weiter, denn schon stehen die deutschen Mittelalter-Freunde von In Extremo mit Dudelsack und Schalmei bereit. „Mein rasend Herz“ sorgt für einen famosen Auftakt, der die Stimmung ohne Unterbrechung hoch hält, was sich auch bei „Horizont“ nicht ändert. Ein fetter Bühnenaufbau komplett mit Pyro-Inferno, Schlagzeug-im-Schiff-Konstruktion, die geballte Macht der Bläser-Fraktion und die raue Stimme des Letzten Einhorns Michael Rhein formieren sich zu einer formidablen Wand, die beim geisterhaft-melodischen „Vollmond“ hervorragend zum Tragen kommt. Auch der alte Reißer „Erdbeermund“ funktioniert prächtig, auch wenn Herr Rhein teilweise leicht unlustig wirkt. Sei’s drum, „Himmel und Hölle“ setzt den Reigen fort, Dr. Pymonte darf die Harfe vorführen, „Belladonna“ bringt den witzigen Text vom Mädchen auf dem Besen, bevor dann der „Sängerkrieg“ ziemlich abräumt. Mit dem Trink-Schunkel-Lied „Sternhagelvoll“ bieten sie eine kleine Vorschau auf das neue Album Quid pro Quo, das am 24. Juni erscheint, und dann ist mit der altbewährten Bandhymne „Verehrt und angespien“ Schicht im Schacht. Meiner Treu!

  NIghtwish -   MEHR FOTOS...

NIghtwish - MEHR FOTOS...

Sodala, meine Damen und Herren, jetzt wird es dann richtig interessant. Wie brillant Nightwish mit ihrer nicht mehr ganz so neuen Front-Holden (diverse Regionalpostillen reporten danach von Sängerin Tarja – immer lustig, wenn man vollkommen Unkundige zum Berichten entsendet) sind, davon konnten wir uns ja schon auf der letzten Hallentournee im Dezember im gar nicht so weit entfernten Zenith überzeugen. Freudig aufgeregt wandere ich mit meinem Kumpanen mal ganz entspannt in die erste Reihe und klinke mich dort ein. Das funktioniert auch bestens, und so kommen wir in einen ganz besonderen Genuss: nämlich die göttliche Floor und ihre Mitstreiter aus nächster Nähe erleben zu können. Und das lohnt sich erwartungsgemäß: mit „Shudder Before The Beautiful“ eröffnet der erste Song des aktuellen Albums den Reigen. Das geht gleich nach vorne, der Opernmetal der Finnen ist eben wie gemacht für die große Bühne, auf der diese Spielart ordentlich inszeniert werden kann. Mastermind Tuomas besetzt die linke Seite mit Vogel-Keyboard inklusive obligatorischer Weinflasche (kein Fusel, der Mann ist ein Feinschmecker!), Bassist Marco (irgendwie wird der immer dünner) im Lederrock daneben, und zusammen mit dem Rest der Formation liefert man einen astreinen Bombast-Sound, der in den sternenklaren Nachthimmel aufsteigt und für wahrhaft magische Atmosphäre sorgt.

NIGHTWISH - MEHR FOTOS...

NIGHTWISH - MEHR FOTOS...

Floor, die große, die göttliche, überragt wieder einmal alles, sowohl an Statur als auch an Stimmgewalt: bestens aufgelegt, zelebriert sie die Höhenflüge, an denen ihre Vorgängerin am Ende scheiterte, in berauschender Qualität. „Yours Is An Empty Hope“ gerät zum Headbang-Fest, bei dem Floor ihre beeindruckende Haarpracht rotieren lässt, und das mit feuriger Unterstützung - die massiven Pyroeffekten versengen uns fast die Haare, von dem herabregnenden Spiritus mal abgesehen: wenn jetzt einer ein Feuerzeug anmacht, explodieren wir…aber nichts passiert. Die eingespielten Filmsequenzen untermalen die Songs jeweils stimmig, das geniale „Storytime“ entlockt der verzückten Masse Begeisterungsstürme, bevor uns Dudelsack-Recke Troy Donockley in den nächsten Song begleitet: „For this one, we will go deep into the woods, with Wordsworth, Shelley, Byron…and Stan and Ollie“. Nun, die zwei haben zwar bei den englischen Romantikern nichts verloren, aber „My Walden“ besticht dennoch durch feine Melodie und elegische Stimmung. Die Single „Élan“ liefert dann folkig-eingängige Momente, bei denen Floor ihre ganze Bandbreite wieder unter Beweis stellen kann. „Weak Fantasy“ ballert dann wieder ordentlich, bevor mit „Sahara“ ein Stück aus der eher unglücklichen Anette Olzon-Ära folgt, das in dieser Interpretation aber auch ordentlich daherkommt. Bei „I Want My Tears Back“ zeigt Marco, dass er nicht nur gut Bass spielt und einen lustigen Zottelbart hat, sondern auch famos singt, bevor dann das wie immer wunderbar-einfühlsame „Nemo“ für Zauber sorgt. Komplett aus dem Häuschen gerate ich dann bei meinen Mit-Favoriten „Last Ride Of The Day“, nach meinen Dafürhalten einer ihrer besten Songs, und auch heute schrecken sie als Abschluss vor dem episch-überlangen „Greatest Show On Earth“ nicht zurück, diesem parforce-Ritt durch die gesamte Menschheitsgeschichte von den Anfängen in der Ursuppe bis hin zur neuzeitlichen Umweltzerstörung. Breitwand-Musik im besten Sinne, eine Inszenierung wie ein filmisches Werk – wir sehen und staunen. Dann ist, wie schon in der Halle im November, unvermittelt Schluss. Das ist ein wenig schade und gibt Punktabzug, denn wir hätten noch ganze zehn Minuten Spielzeit und somit mindestens einen weiteren Song gehabt. Aber das ist Krittelei auf sehr hohem Niveau und kann der Grandiosität keinen Abbruch tun. Ganz großes Kino unter dem Münchner Nachthimmel, meine Herren. Für so etwas wurden Open Air Konzerte erfunden! Wir sehen uns morgen und entschwinden selbst, glücklich aber kaputt von der pausenlosen Beschallung, mit den bereitgestellten Stahleseln der MVG in einer schier endlosen Röhre.

 

Rockavaria-Samstag: Grazien, Tigerhemdchen, Thrash-Veteranen und Seebühnenpunk

Fotos vom Samstag

Beyond The Black - mehr Fotos

Wie keifte schon Alexi Laiho: Wake up, rise and shine! Nach einer (etwas kurzen) Nacht mit spontanem Whisky-Tasting und anderen Eskapaden schaffen wir es entgegen unserer eigenen Erwartung, pünktlich um 14 Uhr zum Interview mit J.B.O. zu erscheinen und dort ein witziges Gespräch unter Franken zu führen. Danach geht es allerdings gleich wieder in die Arena, wo die deutschen Senkrechtstarter von Beyond The Black den Reigen eröffnen. Auf Konserve klingt die Chose schon sehr deutlich nach Within Temptation, live können die Söhne Mannheims (also, der musste jetzt sein) um Frontelfe Jennifer Haben durchaus überzeugen. Mit „In The Shadows“ steigen sie gleich mit der aus Funk und Fernsehen bekannten Single ein – die Stimmung ist für die frühe Stunde gut, die Herren sehen zwar eher aus, als ob sie bei einer Thrash-Band anheuern wollten, aber der orchestral-symphonische Sound läuft bei „When Angels Fall“ und „Beyond The Mirror“ gut rein, wobei sich Gitarrero Chris Hummels bisweilen als kompetenter Frontgrunzer verdingt. Nicht fehlen darf natürlich die Titeltracks des Debüts „Songs Of Love And Death“ und der aktuellen Scheibe „Lost In Forever“ – stilistisch wird hier das Rad nicht neu erfunden, aber wie schon im letzten Jahr bieten die Kollegen eine achtbare Show, die durchaus goutiert wird. Fein!

Das Rockavaria zeichnete sich schon 2015 durch eine etwas eigenwillige Mischung aus Metal und eher kommerziellem Rock aus, und mit Prime Circle stehen nun die ersten Vertreter der zweiteren Gangart ins Haus. Die Jungs aus Südafrika um Fronter Ross Learmonth fahren eine höchst eingängige Mischung aus Creed und REM auf – typischer Mainstream-Festival-Sound, der niemand schmerzt, aber auch nicht wirklich begeistert. Titel wie „Blast Off“ sind sicherlich gut gemachter Radio Poprock, aber für die hier in der Mehrzahl befindlichen Metaller ist das nicht wirklich ein gefundenes Fressen.

Sodom - Mehr Fotos

Das ändert sich allerdings schlagartig beim nächsten Act: die erst in letzter Sekunde engagierten Ruhrpott-Thrasher von Sodom (böse Zungen behaupten, die im Billing an deren Stelle noch genannten T.B.A. hätten abgesagt, und die auch gerne gebuchten special guest hatten keine Zeit) lassen die Axt massiv kreisen. Sie erwischen mit „In War And Pieces“ allerdings einen unglücklichen Start, mit matschigem Sound  und einem Song, der sich als Opener nicht gerade anbietet. Aber mit der launigen Begrüßung „Hallo, deutscher Meister!“ zieht Onkel Tom  - heute ohne den obligatorischen Patronengürtel, ein wahrlich ungewohntes Bild - die beachtliche Menge auf seine Seite, und spätestens nach „M 16“ wird mit dem Knaller „The Saw Is The Law“ der Moshpit offiziell eröffnet. „Wir sind Sodom aus dem Ruhrpott!“, informiert uns Herr Angelripper nun gut gelaunt, man sei ja ganz kurzfristig aufs Billing gekommen und man habe schon etwas Sorge gehabt, ob man da so richtig hineinpasse, als doch etwas heftigere Kombo. Aber die zunehmende Menge feiert die Urgesteine so richtig ab, und Onkel Tom nebst Zottel Bernemann hat sichtlich Spaß, so dass auch „Sacred Warpath“ formidabel knallt. Natürlich ist auch der alte Reißer „Agent Orange“ am Start, der der wilden Horde vor der Bühne endgültig die Vollbedienung verabreicht. Hossa, was ein Ausrufezeichen bei helllichtem Tage!

Garbage - Mehr Fotos

Jetzt geht es wieder in die andere Richtung, das scheint am Samstag Programm zu sein: den nach dem ruppigen Ruhrpott-Thrash kommen mit den 90er-Königen von Garbage Vertreter des Post-Grunge-Pops an die Reihe. Das sieht man schon am Backdrop – eben noch tiefschwarz, dürfen wir da jetzt pinke Leoparden bewundern. Ah ja. Zu den Klängen von „Empty“ beobachten wir staunend, wie sich die wie stets mit rosa Haaren (aha!) gesegnete Shirley Manson in einem etwas zu knappen Leoparden-Kleidchen über die Bühne windet, auf den Boden wirft, uns freimütig demonstriert, dass sich das Leoparden-Thema auch auf der Unterwäsche fortsetzt, und dabei auch noch eine durchaus ordentliche Gesangsleistung abliefert. Die stets für eine Provokation gute Shirley schimpft wie ein Rohrspatz über das Wetter („I am not used to the fucking sun!“) und darüber, dass viel zu wenig Frauen auf dem Billing seien (jaja). Gitarrist Steve Marker kommt daher wie eine Mischung aus den Blues Brothers und Elvis Costello, Bassist Eric Avery könnte auch als U2-Stand in durchgehen - aber insgesamt schafft es die Kombo, einen gar nicht mal so unspannenden Klangteppich zu legen, den man sich auch als Nichtfan gerne anhört. Nummern wie „Stupid Girl“ und „Push It“ setzen mit den größten Erfolgen der Band Ausrufezeichen, die Discobeats und Samples laufen dem Publikum durchaus wohlig über den Rücken, während Shirley gut bei Stimme ankündigt, jetzt würde man uns einen Song vom Soundtrack des Buz Luhrman-Spektakels „Romeo and Juliet“ von 1996 vorführen, was dann mit „Nr 1 Crush“ auch der Fall ist – kein Wunder, war die Band in den 90ern doch in zahlreichen Filmen und TV-Serien zu hören, wobei heute leider die James Bond-Nummer „The World Is Not Enough“ nicht zum Einsatz gelangt. Bei „Why Do You Love Me“ zeigt Shirley bekleidungstechnisch dann wieder alles vor was geht, ahmt auf dem Boden durchaus explizite Handlungen nach – und wer sagt hier noch, der Pop sei brav und anständig (unsere spaßhafte Bezeichnung lautet spätestens jetzt gar bitch)? Weiter im Text geht es mit „I Think I’m Paranoid“, bevor dann mit der allerersten Hitsingle „Only happy when it rains“ der Zauber ein Ende hat. Als Vertreter der nichtmetallischen Fraktion nach dem Totalausfall von Faith No More im letzten Jahr durchaus achtbar, ein Farbtupfer und ein amüsanter noch dazu – auch wenn Frau Manson sich doch etwas mehr benehmen sollte. Das tut man doch nicht, meine Dame!

Gerade rechtzeitig zur feierlichen Eröffnung des Gotthard-Basistunnels entern jetzt die gleichnamigen eidgenössischen Hardrocker (nur Gotthard, ohne Tunnel) die Bühne 2. Schon die Bühnenkreation mit dem Schlagzeug auf der Karosserie eines massiven Straßenkreuzers, mit dem sich auch James Dean wohlgefühlt hätte, macht die Attitüde klar: jetzt regiert der Ami-Hard Rock, dass es eine Art hat. Als ob man sie gerade eben vom sunset strip gepflückt hätte, steigen die Kollegen mit „Bang“, dem Titeltrack vom nach wie vor aktuellen Album, in ihr Set ein und zelebrieren dabei ihren höchst traditionellen Hardrock nach allen Regeln der Kunst. Microphone-Controller Nic Maeder, dem die schwere Aufgabe zuteil wurde, den 2010 tragisch verstorbenen Steve Lee zu ersetzen, schwingt sich mit authentischem US-Akzent und Vince Neil-Gestus durchs Programm, das mit „Get Up ‘N‘ Move On“ und „Sister Moon“ nahtlos weiterläuft. Bei „Right On“ schnappt sich Herr Maeder dann auch selbst die Gitarre und hält bestens mit dem Rest der Saitenfraktion mit, bei der Leo Leoni auf der rechten Seite den Ton angibt und einen tighten, erdigen Sound fabriziert. „Master Of Illusion“ und „Feel What I Feel“ setzen den Reigen fort, der allerdings weniger durch Originalität glänzt als durch solides Handwerk – Schweizer Zuverlässigkeit eben, wobei mich die Landsleute von Krokus live schon einen Zacken mehr überzeugen konnten. „The Call“ bringt dann feine akustische Balladen-Stimmung, und nach „Remember It’s Me“ und „Starlight“ setzt es dann doch noch einen Reißer: das alte Schlachtross „Hush“ (oft gecovert, landauf landab bekannt vor allem in der Version von Deep Purple) zündet die Menge ordentlich an, „nanana“-Gesänge allenthalben – na also, das geht ja doch! Nach „Lift U Up“ gibt’s noch „Anytime Anywhere“ auf die Gehörgänge, dann winken uns die Herrschaften nochmals zu und entlassen uns in Richtung der kommenden Attraktionen. Ordentlich.

Festivalnahrung.... Asia NUdeln mit Bier

Nach Gotthard passiert dann das Unvermeidliche und der Teil von kuehleszeug.de, der die Nacht durchgesoffen hat - yes, mittendrin statt nur dabei - , muss aufgeben und verlässt das Gelände, um sich für den Sonntag und Maiden hübsch zu machen. Also muss der Fotograf jetzt ran und weiter berichten... Auf der Bühne nebenan wird Mando Diao angekündigt, der verbliebene Rest schaut sich in die Augen und wir entscheiden, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, das Abendessen einzunehmen. Gesagt, getan und schon entschwinden wir über die große Stadiontreppe dem Geschehen in der Arena und setzen unseren Weg auf der Suche nach Nahrung in Richtung Seebühne fort. So wirklich viele Fressbuden sind hier aber ebenfalls nicht zu finden: Wurst rot oder weiß, Pizza, Döner und ein Asia-Stand - viel mehr gibt es nicht zu entdecken, dafür ist aber vor jedem dieser Stände eine beachtliche Schlange, gerade vor dem von uns favorisierten Dönerstand. Also dann eben Asia, mit einem Becher Nudeln und einem Bier bewaffnet marschieren wir los Richtung Seebühne, wo gerade Serum 114 ihr Unwesen mit lässigen Punkriffs und -Melodien treiben und von der Stadt, die sie lieben, erzählen und dass sie keine Rechten mögen und dass Menschen einander helfen sollten. Richtig so! Eine perfekte Umrahmung für unser Mahl... Langsam sollten wir uns allerdings mal merken, dass man Bierbecher voll schlecht auf schrägen Grashängen abstellen kann. Zum Thema Bier... Viel zu spät haben wir alten Sparfüchse rausgefunden, dass man fünf Bier für 20 Euro im Festivalspecial bekommt, anstatt für jeden Becher 5 Euro hinzuläppern. Das fünfte Bier lässt sich dann normalerweise auch noch gut auf die restlichen vier Becher verteilen, so dass diese eine gute Oberflächenspannung bekommen. Wer braucht schon Schaum?! :-) 

Das Olympiastadion in München - ein imposanter Anblick

Gesättigt marschieren wir zurück ins Stadion, um den groß angekündigten "Co-Headliner" Gutterdämmerung - ein Stummfilm mit Rockbanduntermalung und lyrischen Einsprengseln von Henry Rollins himself - zu bestaunen. Während wir die Treppe herunterkommen, erleben wir gerade noch, wie Mando Diao dem wild gestikulierenden Publikum ihre Hitsingle "Dance with Somebody" im wahrsten Sinne um die Ohren hauen. In Sachen Gestikulieren stehen die Protagonisten auf der Bühne, die sich einem Großteil ihrer Kleidung inzwischen entledigt haben, ihren Zuhörern in nichts nach. Mann, da tropft richtig Schweiß von der Bühne. Was uns auf Konserve kaum wirklich beeindruckt, wird hier auf dieser Bühne zu einem kraftvollen Powerakt. Unfassbar! Jetzt aber zu Herrn Rollins... Im Hintergrund startet der in schwarz-weiß gehaltene Film, den man wegen der Sonne im Rücken von unserem Standort aus hinter dem zweiten Wellenbrecher nur sehr schwer erkennen kann. Als flankierende Maßnahme stolziert eine eingehüllte Dame in Mönchskostüm auf die Bühne und trägt eine Art Arie vor. Herr Rollins kommt noch dazu und liest irgendwas aus einem Buch vor und dann darf die Band eine rockig atmosphärische Soundkulisse zu dem Film im Hintergrund aufbauen. Das Problem ist, dass wir eigentlich in Feierlaune sind, gerade haben wir Serum 114 und Mando Diao erleben dürfen... und jetzt? Eine Zeitlang versuchen wir uns einzureden, dass das ja nur das Intro sei, aber gute fünfzehn Minuten später ermüdet uns das Dargebotene eigentlich nur noch und wir suchen das Weite: "Zurück zur Seebühne" lautet der gemeinsame Konsens. Als wir oben an der Treppe ankommen, scheint noch ein Sänger auf der Bühne aufgetaucht zu sein, und es wird Black Sabbaths "War Pigs" kredenzt. Aber auch das kann uns jetzt nicht mehr zurückholen. Kann sein, dass das Ganze zu späterer Stunde besser gemundet hätte, aber so war Gutterdämmerung hier eher ein Stimmungskiller. 

Die Seebühne - Rocken in Malerischer Umgebung

Leider hat das Programmkomittee aber auch nicht wirklich dafür gesorgt, dass auf der Seebühne als Alternative der Punk abgeht, denn dort liefern gerade die witzigen isländischen Cowboys von Solstafir eine ebenfalls mystisch-athmosphärische Show ab. Ok, dann setzen wir uns halt, wie viele andere auch, auf das Wiesenrund und genießen den Blick auf den Olympiasee und die Klänge der Isländer. Das ist zwar jetzt kein wirkliches Samstagabendprogramm, aber irgendwie nett, insbesondere, da wir neben uns den dunklen Parabelritter von Youtube samt Redaktion entdecken, der sich ebenfalls mit Rumliegen und Schmusen beschäftigt. Natürlich reden wir kurz über das beste Magazin der Welt - kuehleszeug.de - , wobei sich der mitgereiste Kumpel vom Parabelritter beschwert, dass unsere Redaktion lässig am Bier nuckelt, während dem in der Parabelritterredaktion gerade nicht so ist. Eigentlich ein recht sympathischer Haufen. Wie dem Parabelritter Rockavaria gefallen hat, könnt ihr übrigens hier in seinem Video begutachten.

Betontod - Mehr Fotos

So langsam wird es dunkel an diesem Samstagabend und nach kurzer Überlegung - Iggy Pop oder Betontod - bleiben wir an der Seebühne, da wir der Meinung sind, dass uns die Punkrecken um Oliver Meister besser die Ohren durchpusten als der Popkönig Iggy. Und tatsächlich geht in der nächsten Stunde auf der Seebühne gewaltig die Post ab. Schon bei dem ersten Song "Mein letzter Tag" entsteht vor der Bühne ein riesiges Durcheinander aus pogenden Punkfans und dabei ist dort für sowas überhaupt kein Platz. Aber Betontod gönnen der feiernden Masse vor der Bühne keine wirkliche Pause, denn mit treibenden Krachern wie "Kinder des Zorns" oder dem plakativen "Keine Popsongs" bis hin zu dem prolligen Mitsingschunkler "Wir müssen aufhören weniger zu trinken" wird die Stimmung eher noch weiter eingeheizt, so dass der Pit vor der Bühne irgendwann auf die kompletten zwanzig Meter Bühnenbreite anwächst. Insgesamt kommen die Jungs aus Rheinberg auch noch sympathisch rüber, danken brav, dass, obwohl keine 500 Meter weiter eine der größten Rocklegenden der Welt auf der Bühne steht, hier das komplette Rund bis auf den letzten Platz voll ist. Natürlich bekommen auch Rechtsextremismus, Pegida und Co. eins drauf und während Basser Adam Dera noch meint, dass das eventuell in München nicht so ganz gut ankommt, teilt sich das Publikum in Buhrufe und Applaus. Und einige sind sich noch nicht mal zu schade dafür, auf die Ansage, Rassisten mögen doch bitte ihre Hand heben und gehen, dann auch wirklich den Arm in die Luft zu strecken. Selbst wenn das nur Spaß war, es bleibt ein kleiner schwarzer Schatten über einem ansonsten großartigen Konzert, den man der Band sicher nicht anlasten kann. Ekelhaft! Egal, Betontod ziehen ihr Programm weiter durch und beenden dieses mit dem absoluten Ohrwurm "Ich bereue nichts", der vom Publikum wieder frenetisch mitgesungen wird. Sicher, Betontod ist alles andere als anspruchsvolle Musik, aber man muss ihnen lassen, dass sie den Punk noch leben wie kaum eine andere Band und dass sie einen ganzen Berg treffsichere Melodien und Texte im Gepäck haben, die man auf dem Rückweg zur U-Bahn noch an verschiedensten Stellen aus vielen Kehlen hören kann.

Immer noch mit dem Gefühl im Bauch, dass das Gebotene für einen Samstagabend insgesamt etwas lau war, suchen wir das total überfüllte RAW am Stiglmaierplatz - in dem man die Luft wirklich schneiden kann - auf, um den Abend mit Sodomvideos und einem Potpourri aus Slayer-, Testament-, Metallica- und Panterasongs ausklingen zu lassen. Insgesamt war auch heute ein schöner Tag, der erstens total anders und zweitens komplett festivaluntypisch war. Leider mit einem Durchhänger Gutterdämmerung, der ganz schön runtergezogen hat. Da würden wir uns dann doch lieber eine Band, die Stimmung bringt, wünschen, liebes Rockavaria.

Rockavaria-Sonntag – Wir atmen Blitze, es regnet Blut und andere Sachen, und Captain Bruce startet durch...

Fotos vom Sonntag

Gut erholt und erfrischt steht uns am nächsten Tag ein nicht unbedeutendes Abenteuer bevor – was wir allerdings noch nicht wissen, als wir uns, mittlerweile zu voller Mannschaftsstärke gewachsen, auf der Wiese vor der Seebühne niederlassen. Zu den Klängen der Doom/Stoner/Grunge-Formation Black Vulpin aus Dortmund („das sind ja lauter Kindergartenmädchen! Aber die sind echt gut!“, urteilt ein neu angereister Fachmann, der bis gestern noch Messehallen in Erlangen unsicher machte) beobachten wir, wie sich das Publikum doch ein wenig ändert: heute regieren die Motörhead, Slayer und Iron Maiden-Shirts, es ist der Tag der großen Namen und somit auch der Tagesticket-Nutzer. Am Devotionalien-Stand allerdings heißt es aufgemerkt: von den drei Festival-Shirts trägt nur eines auch den Namen der eisernen Jungfrauen auf dem Rücken, bei den beiden anderen möchte man glauben, Captain Bruce habe abgesagt. Auf Nachfrage informiert man uns: die Namensrechte seien so teuer, dass man sie nur für ein Leibchen habe erwerben können. Business is business. Nun denn. Wir genießen einstweilen die Sonne, die wirklich idyllische Seebühne, die zum Verweilen einlädt und sich als hervorragendes Forum für „kleinere“ Bands erweist, zumal Songs wie „Demons Of Future“ und „Twisted Knife“ durchaus zu gefallen wissen. Wir diskutieren noch, dass uns die zwei Damen und der Gastherr an die Breeders und auch 7 Day Diary erinnern, dann wandern wir dann doch mal vorsichtshalber Richtung Arena – immerhin ist vorne stehen heute vollkommen alternativlos.

Die Doppelbühne am Rockavaria - Pausenlose BEschallung

Dort beenden gerade The Raven Age ihr Set, die letzten Momente klingen sehr melodisch, und die Band kann sich über regen Zuspruch freuen. Die Franzosen von Gojira (Preisfrage – was bedeutet der Name? Man denke an einen japanischen Monsterfilm eines gewissen Herrn Honda…) legen auf Bühne 1 los und bereiten zumindest mir dann eine kleine Enttäuschung. Allzu einfallslos und stumpf kommt der progressive Death Metal daher, mit viel Energie, dafür aber wenig Struktur und Melodie ballern die Herren um Joseph Duplantier ihre Geschosse ins weite Rund, das zu den Klängen von „Toxic Garbage Island“ (doch sicherlich keine Anspielung auf die Kombo von Frau Manson gestern??), „L’Enfant Sauvage“ oder „Stranded“ sicherlich wackelt, aber zumindest aus unserer Sicht nicht vor Begeisterung bebt. Vielleicht ist es einfach noch zu früh am Tag.

UH... Was???

Da tritt uns Mark Tremonti doch reichlich melodischer und eingängiger entgegen. Was uns kaum wundert, lieferte der Herr doch zusammen mit einem gewissen Scott Stapp unter dem Namen Creed Anfang des Jahrtausends mit Human Clay einen Jahrhundertkracher des melodischen Hard Rock ab, wobei „Arms Wide Open“ sogar einen Grammy abräumte. Nachdem Stapp aufgrund seiner Eskapaden nicht mehr tragbar war, gründete Tremonti 2004 mit Sänger Myles Kennedy die Folgeformation Alter Bridge; seit der Creed-Reunion 2009 werkelt Herr Tremonti somit in zwei Bands, was allerdings noch nicht genug scheint: seit 2012 zeigt er sich auch noch mit seinem Soloprojekt unter eigenem Namen auf Konserve und auf der Bühne, so eben auch hier und heute. Der aus unterschiedlichsten Rock- und Metal-Stilen beeinflusste Sound präsentiert grundsätzlich den von den genannten Kapellen zelebrierten, breithosigen, selbstbewusst-ausladenden Klang, wobei sich der Meister hier nicht nur als Gitarrero, sondern auch als durchaus brauchbarer Sangeskünstler verdingt. Nummern wie „My Last Mistake“, „You Waste Your Time“ und “Radical Change” rücken allerdings bewusst vom altbekannten Strickmuster ab und lassen sich wohl als metallisch inspirierten Post Grunge bezeichnen – harte Riffs, Soli und ruppige Ausritte kommen ebenso zu Ehren wie bedächtigere Momente. Wieder ein Beitrag fürs breitere Publikum, wobei die Masse jetzt eher wieder in Richtung links zu Bühne Eins strömt…

Anthrax - Mehr Bilder

…denn hier kündigen sich die wieder erstarkten Anthrax an, die mit ihrer aktuellen Scheibe For All Kings den ihnen zweifelsohne gebührenden Erfolg feiern. Live immer ein energiegeladener Hochgenuss, mit einem musikalischen Katalog der Extraklasse, und bis unter die (bei einigen sehr kurzen Haarspitzen) motiviert, präsentieren sich die US-Thrasher seit dem Wiedereinstieg von Oberindianer Joey Belladonna in Hochform. Das wissen offenbar auch die Schlachtenbummler, die sich schon vor Beginn des Gigs derartig vor der Bühne drängen, dass erstmals der Abriegelungsmechanismus greift. Sprich: wer vor dem ersten Wellenbrecher steht, ist drin – wer rausgeht, stellt sich dann in der Schlange hinten an und muss auf das Glück hoffen, denn nach dem Nachtclub-Prinzip gilt: nur wenn einer rausgeht, darf wieder einer rein. Darüber kann man nun viel diskutieren, zumal es in der Arena (im Gegensatz zu Bozen) erneut keinerlei separate Waschräume gab – aber es ist nun mal so, die Sicherheit vor der Bühne wird so zweifelsohne gewährleistet, und nach einer kurzen, aber bangen Wartezeit schaffen wir es gerade noch so, zu den Klängen von „Caught In A Mosh“ ganz vorne mit dabei zu sein. Dort führt Scott Ian wie gehabt seinen wilden Watscheltanz auf, „The Frank“ Bello springt wild gestikulierend über die Boxen, und ein zunehmend gesichtsledrig wirkender Herr Belladonna zeigt, dass man auch bei mehrfachem Durchmessen der Bühne klassische Thrash-Hämmer wie das nun folgende „Got The Time“ überzeugend aufführen kann. Aber, aber, da nimmt die Unbill ihren Lauf: auf den Bildschirmen, die doch eigentlich das Bühnengeschehen übertragen sollten, erscheint urplötzlich ein Menetekel. Eine konkrete Unwetterwarnung habe man erhalten, komplett mit Gewitter, Hagel und Starkregen. Die Besucherschar möge sich doch bitte unter den Schutz des Daches begeben, auch Arena-Ticket-Inhaber dürfen ausnahmsweise auf die Ränge. Tja, und da beginnt das Dilemma, das wir eben schon durchlebt haben: da hinten, unter dem Dach, da mag es ja im Fall der Fälle vielleicht lauschig und trocken sein – aber eben nur auf Fernglas-Distanz, die wir natürlich in keinster Weise akzeptieren können. Und so schließen wir uns dem Tross, der nun in der Tat aus der Arena hinaus auf die Ränge wandert, nicht an – solange uns keiner vertreibt, bleiben wir hier und feiern mit Anthrax weiter Reißer vom Kaliber eines „Antisocial“ ab. Das neue „Evil Twin“ gefällt ebenso gut, aber unsere Taktik scheint zunehmend gewagter: ab 17:02 Uhr gibt es keinen Einlass mehr in die Arena, wo eigentlich immer reges Kommen und Gehen herrscht. Fast schon passend wie der sprichwörtliche five finger death punch aufs Auge passt da das ebenso neue „Breathing Lightning“ – nach neuem Anthrax-Stil weniger Gehoppel und mehr flüssiges Riffing, aber hoffentlich inhaltlich heute nicht zutreffend. Mit einem gewaltigen „Indians“, komplett mit Wardance, beschließen die Amis ihren Set vor einer begeisterten Menge – alles gut gegangen bislang, kann man da nur sagen, zumal gegen Ende die Unwetterwarnung aufgehoben ist und auch auf der Seebühne das Programm wieder aufgenommen wird. Schade nur, dass mit "I Am The Law", "Among The Living" und "Efilnikufesin" einige Klassiker fehlten - aber dennoch bestens. Und schon strömt die Menge wieder zurück. Wir stehen vorne!

Ghost - Mehr Bilder

Mit viel Spannung durfte man auch der nun folgenden Darbietung entgegensehen: spätestens seit die mysteriösen Schweden von Ghost mit ihrem Album Meliora einen Grammy für die Beste Metal-Performance abräumte, hat sie auch eine breitere Zuhörerschaft auf dem Zettel. Auch beim heutigen Stelldichein zelebrieren die Herrschaften ihr Konzept in aller gruseligen Schönheit: die anonymen Musiker – auf den Scheiben stets nur als „nameless ghouls“ bezeichnet – erscheinen allesamt gekleidet in schwarze Roben, das Gesicht verborgen hinter metallenen Masken. Auch der unter dem Pseudonym Papa Emeritus III firmierende Sänger will nicht erkannt werden und hat zu diesem Zwecke eine Bemalung aufgelegt, die irgendwo zwischen Black Metal und Gene Simmons angesiedelt ist. Wer nun denkt, uns erwarte nun eine Stunde Schlagetot-Gewurzel, sieht sich getäuscht: vielmehr erleben wir eine Mischung aus Rockkonzert und Theateraufführung, bei der es musikalisch eine zutiefst eingängige Melange aus Doom, Psychedelic und klassischem 80er-Heavy Metal zu bestaunen gibt. Auch wenn man rein optisch einem satanischem Habitus frönt (umgedrehte Kreuze, griechische Symbole wie Alpha und Omega, außerdem Phantasie-Zeichen), überzeugen sowohl die Instrumentenfraktion als auch der Vokalist bei „From the Pinnacle to the Pit“ und „Ritual“ durch Atmosphäre und melodisches Gespür. Auch einen gewissen hintersinnigen Humor kann man ihnen nicht absprechen, als Herr Emeritus uns in Kenntnis setzt, der nächste Song „Cirice“ verfolge den Zweck „to celebrate the female orgasm“. Das kann man ja im Grundsatz durchaus gutheißen, und so begleiten wir auch Nummern wie „Absolution“ und „Monstrance Clock“ wohlwollend, wobei sich die ganz eigene Atmosphäre dieses Gesamtwerks immer mehr entfaltet. Mit einem dräuenden „good bye, and don’t forget to fuck each other“ werden wir dann aus dieser Zelebration entlassen – wir werden daran denken, wie auch immer die Umsetzung ausfallen mag. Das war…anders. Und gut.

Slayer - Mehr Bilder

Ganz und gar nicht anders, sondern zuverlässig schnörkellos sind dann Slayer, die die Massen mobilisieren wie bislang niemand an diesem Tag. Schmackig steigen die nach Anthrax zweiten der heute anwesenden „Big Four“ des Thrash mit „Repentless“ in ein Set ein, zu dem man nur sagen kann: wo Slayer draufsteht, sind sie auch drin (auch wenn es sich dabei um einen extrem verbreiteten Schreibfehler handelt, Eingeweihte wissen, das sollte eigentlich Sailor heißen und wurde auf dem ersten Demo nur verhunzt…NOT!). Wie gehabt die Anordnung: der gute Onkel Tom Araya mit zunehmend weißem Rauschebart in der Mitte, rechts Kurzhaarfetischist Kerry King, dem offenbar permanent die Geldbörse entwendet wird (warum sonst sollte man seine Hose mehrfach anketten?), und links ex-Exodus-Recke Gary Holt. Das ist wuchtig, massiv, eine wall of sound, die sich gewaschen hat, auch wenn die Abmischung die Gitarren ein wenig arg kategorisch rechts und links separiert. Tom ist stimmlich bestens aufgelegt, brüllt und gurgelt die Vocals wie nichts Gutes, und die sirrenden Wespen-Soli fliegen den Herren King und Holt nur so aus den Fingern. „God Hates Us All“ heißt der nächste Steuerknüppel, gefolgt vom mächtigen „Mandatory Suicide“, bei dem auch langsam der Regen einsetzt. Nicht weiter schlimm, das werden wir schon überstehen, wenn uns weitere Perlen wie „War Ensemble“ kredenzt werden. Slayer zeigen sich dabei effizient, kompromisslos und auch seltsam disparat: wenn der wortkarge Herr Araya mal etwas sagt, dann sind es höfliche, nette Worte: „Thank you very much! You gotta love the rain, don’t you?“ Wo uns an ungefähr gleicher Stelle letztes Jahr Mille Petrozza kreischend aufforderte, wahlweise uns selbst umzubringen, das Olympiastadion zu zerstören oder die Toilettenschüsseln abzumontieren, begleitet der gütige Tom uns weiter charmant durchs Programm, bei dem es nach „You Against You“ mit „Raining Blood“ einen der formativsten Kracher der Bandhistorie, ach was sag ich des Metal überhaupt zu beklatschen gilt. Das nimmt sich auch der lacerated sky zu Herzen, der uns immer mehr begießt. Aber jetzt kommt ein „love song – Slayer style“: „Dead Skin Mask“ wird apokalyptisch zelebriert, „Hell Awaits“ walzt alles nieder, bevor dann das schleppende, unheilskündende Riff des epischen „South Of Heaven“ erschallt. Meine Herren, das ist wahrhaft grandios – und jetzt kommt (natürlich) der verstorbene Jeff Hanneman zu Ehren: beim abschließenden, explosiven „Angel Of Death“ ziert das „Hanneman – still reigning“-Backdrop die Bühne wie schon beim Wacken-Auftritt im letzten Jahr. Aus, Schluss, die Knüppelfraktion rückt ab, wir sind beeindruckt.

Sabaton - Mehr Bilder

Das wären wir sicherlich auch bei Sabaton gewesen, die nun noch zwischen uns und dem Hauptact stehen. Denn das Tarnhosen-Kommando unter Führung von Joakim Broden hat mit seinen episch-melodischen Hymnen genau das richtige Futter für hungrige Festival-Geher am Start. Dabei gibt es nur ein Problem: die Unwetterwarnung lag nicht so ganz falsch. Just zu Beginn des Sabaton-Sets beginnt ein Sturzbach, der mehr oder weniger apokalyptische Ausmaße annimmt. Die Schlachtenbummler, die sich eigentlich schon für Maiden positioniert hatten, fliehen in Scharen auf die Tribüne, plötzlich gibt es gar keine Schlange mehr zum Einlass für den Bereich ganz vorne. Wir schauen uns kurz an und beschließen: wir bleiben. Klar. Auch wenn das Wasser aus der kurzen Hose läuft und der Wams in kürzester Zeit seinen Sinn verfehlt und eher für Kälte sorgt. So kauern wir also da und beobachten, wie sich Sabaton dennoch mächtig ins Zeug legen: komplett mit Panzer als Drum-Riser, Maschinengewehren und Helmen fahren sie genau die feurige Show auf, die man von den Kollegen erwarten darf. Den Anfang macht ein glorioses „Ghost Division“, und beim anschließenden „Gott Mit Uns“ wird natürlich wieder die in Deutschland gern genommene „Noch ein Bier“-Version zum Einsatz gebracht. Insgesamt muss sich Fronter Broden (dessen Jäckchen mit den Metallplatten auch immer mehr spannt) doch über die Deutschen wundern: „In Sweden, no one would stand outside in this rain! But you are, demanding more beer – incredible!“ Pyros sind massiv zu Gange, als man sich mit dem neuen „Carolus Rex“ und dem gefeierten „The Art Of War“ weiter durchs Programm-Manöver schwingt. Der Regen wird allerdings mittlerweile grenzwertig, so dass der Genuss doch ein wenig eingeschränkt ist, aber dafür können die Artisten auf der Bühne ja nichts – wobei Herr Broden zugestehen muss: „They had warned us about the weather…“ Gehen wir mal in Ruhe davon aus, dass die ganze Chose auf der Kippe, sprich auf Abbruch stand – aber wird es da hinten etwas heller? Scheint so, denn gegen Ende des Sets scheint die Sintflut nachzulassen, und so können wir dann zumindest noch das wunderbare „Primo Victoria“ gebührend abfeiern. Respekt vor allen, die vorne durchgehalten haben, und auch vor der Band, die durch ihre Energie allen Wettereskapaden zum Trotz für gute Stimmung zu sorgen verstand.

Tja, und dann ist es endlich soweit. The main event of the evening steht bevor. Gestern um 15:20 Uhr sind sie gelandet, man konnte das auf der Rockavaria-Website beobachten, als Captain Bruce die Ed Force One auf dem Flughafen München aufsetzte. Dass Iron Maiden live Jahr für Jahr an Qualität gewinnen, dass es ihnen wie kaum einer Band gelingt, generationsübergreifend die Massen zu enthusiasmieren, dass sie immer wieder Maßstäbe setzen in Sachen musikalischer Klasse (herrje, sogar einen Echo haben sie gewonnen für das neue Album, wo soll das hinführen?) und spektakulärer Inszenierung – darüber muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Die Frage ist also eigentlich immer nur: wie gut sind sie heute? Wie grandios wird die Show? Wie oft kommt Eddie? Wie oft können wir Nico hinter seinem Drumkit erspähen? Wie hoch springt Bruce? Und fällt Herr Gers wieder von der Bühne (das passierte allerdings bislang nur einmal)? Als das mittlerweile etablierte „Doctor Doctor“ als Intro aus den Boxen schallt, gebe ich offen zu, dass ich mich fühle wie ein kleines Kind an Weihnachten. Man weiß genau, in den kommenden zwei Stunden ist man exakt auf dem richtigen Platz in der Welt, und das kann man niemand erklären, der diese Mischung aus Gitarrenharmonien, literarischen Texten und exaltiertem Tenorgesang nicht schätzt – aber diese verlorenen Seelen sind heute ja auch nicht da. Viel mehr versammeln sich die aus den Live-Videos bestens bekannten Fahnenträger, Kuttenfreunde und auch T-Shirt-Kämpfer (wobei ich mir nach wie vor die Meinung erlaube, bei Maiden trägt man kein Maiden-Shirt, aber das sei mir gestattet), als zu den ersten Klängen des neuen Albums ein riesiger Kochtopf hinter dem Drumset beginnt zu dampfen. Insgesamt ist die Bühne thematisch gehalten wie immer – gemäß dem Thema der aktuellen Scheibe geht es um die Mayas und ihr zerbröselndes Imperium, das wir in angedeuteten Tempelbauten und lustigen Stricken an der Seite erkennen. Und da steht er plötzlich, der beste Flugkapitän der Welt, reckt seinen Kopf in die Inhaliermaschine – die natürlich einen irgendwie gearteten Schamanen-Zaubertank darstellen soll, schon verstanden – und bietet uns in bester Manier den episch-getragenen Start von „If Eternity Should Fail“ vor. Gänsehautfaktor Hoch 10! Dann steigt die gesamte Mannschaft ins Geschehen ein, Nico haben wir beim Betreten seiner Schlagzeugwohnung kurz erhascht, Dave war bei einem ordentlichen Friseur und sieht nicht mehr aus wie Prinz Eisenherz, Cheffe Harris wird wohl ewig in Fußballshorts auftreten, Adrian umschifft die modischen Eskapaden der 80er gekonnt, und Herr Gers führt seinen seltsamen Ausdruckstanz auf, an den wir uns über die Jahre zwar gewöhnt haben, der aber immer noch seltsam wirkt. Alles in bester Ordnung also, der Sound ist von Anfang an glasklar, die bühnentechnische Inszenierung ähnelt mit atmosphärischer Beleuchtung, Detailaussstattung und pro Song wechselnden Backdrops einer szenischen Aufführung, Bruce schwingt sich heldenhaft in die höchsten Höhen – und die Menge ist dabei, vom Start weg. Weiter geht’s (natürlich, wie immer) mit Song 2 der neuen Scheibe, das krachige „Speed Of Light“ bollert ordentlich voran, und Bruce meistert auch diese exaltierten Momente gekonnt. Wenn einen dabei der Gedanke an die Zungenkrebserkrankung des Herren beschleicht, die gerade einmal zwei Jahre her ist, wirkt es umso bemerkenswerter, dass er hier und heute das Mikro schwingt, auf die Boxen springt, offenbar sehr ausgelassener Stimmung ist – und als einziger Metal-Fronter überhaupt in Wanderschuhen, Pluderhosen und Kapuzenpulli vollkommen überzeugend ist. Bruce darf das. Sonst eigentlich keiner. In maximaler Plauderlaune informiert er uns, dass wir uns um das Wetter keine Sorgen machen sollen („I will dry you up!“), und dass man heute auch einige Klassiker am Start habe („We have old songs, but we like to call them legacy. Well, I am old, so I am legacy as well.”) Nun, dann gehören auch wir wohl zum Vermächtnis, aber wenn wir – viele von uns erstmals – das immer noch strahlende “Children Of The Damned” live in einer solchen Qualität erleben dürfen, dann sind wir das mehr als gerne. Die Bühne wird zutiefst theatralisch beleuchtet, Steve springt wie auf dem Sportplatz hin und her, und Bruce krönt alles – selbst in ihrer eigenen Liga spielen sie heute auf den vorderen Plätzen. Die Robin-Williams-Gedenkhymne „Tears Of A Clown“ bringt dann den ersten nicht essentiellen Beitrag – ordentliches Stück, aber nicht unbedingt die erste Garnitur. Das ändert sich dann allerdings flugs wieder: bei „The Red And The Black“ schwelgt vor allem Meister Harris in seinem Element, bearbeitet den Bass wie eine Flamenco-Gitarre, zelebriert die Hoppelrhythmen ebenso wie die Mitsing-„hohoho“-Parts, und Bruce mittendrin. Ein Epos neueren Datums, aber ganz die alte Maiden-Schule. Sauber!

Super Trooper

Dann ist aber gleich wieder Klassiker-Alarm: Eddie erscheint im Backdrop in roter Uniform, Bruce schwenkt einen zerfetzten Union Jack, und zum nicht mehr zählbaren Male schwelgen wir in der harmonischen Gewaltattacke der leichten Brigade, die uns schon die Nadel des Märchenplattenspielers im Kinderzimmer ruinierte. „The Trooper“ ist ein unkaputtbares, unverzichtbares Schlachtross – das nun folgende „Powerslave“ dagegen ein lange nicht mehr live erlebtes Juwel aus ihrer ersten artistischen Hochphase Mitte der 80er. Die düstere Mär des sterbenden Pharao gehört zweifelsohne zu ihren Glanzlichtern und wird hier und heute effektvoll aufgeführt, wobei Bruce die lustige Federmaske aus den Live After Death-Zeiten gegen eine seltsame Plastik-Kappe austauscht. Egal, das Kino hier ist unangreifbar groß und breitwandig. Zu „Death Or Glory“, einem ruppig vorauspreschenden Headbanger von der aktuellen Scheibe, springt der Captain dann gar mit einem Affenpüppchen um den Hals umher und animiert uns, Kletterbewegungen zu vollführen – die Auflösung für Unkundige liefert er selbst: im Song gehe es ja bekanntlich um den „Roten Baron“ Manfred von Richthofen, der über seinen Dreidecker sagte, das Flugzeug klettere wie ein Äffchen und drehe sich wie der Teufel. In Südafrika habe man dazu das Affenpüppchen auf die Bühne geschmissen, und die Tradition nimmt ihren Lauf. Insgesamt fällt auf, dass man entgegen der Metal-Konventionen alles andere als verbissen, sondern gut gelaunt und teilweise selbstironisch vorgeht, was allerdings der Gravitas des nun folgenden zentralen neuen Großwerks „The Book Of Souls“ in keinster Weise Abbruch tut. Klar das gesangliche Highlight des Abends, unfehlbar in allen Höhen, ausladend in der Darbietung, eine Elegie auf untergehende Imperien. Wunderbar. Und Eddie stakst dazu als wütender Maya-Krieger über die Bühne und macht Jagd auf Herrn Gers und auch Bruce, was ihm allerdings schlecht bekommt…Zwischendurch plaudert Bruce eifrig, einer "Dame", die ihr Oberteil offenbar nur symbolisch mitgenommen hat und freimütig alles vorzeigt, ruft er im besten upper class Oxford Englisch zu: "Oh madam, what lovely breasts you have! And there's even two of them!" Das in den 90ern niedergeleierte „Hallowed Be Thy Name“ erstrahlt in neuem Glanz, Zeremonienmeister Bruce macht uns komplett mit Strick den Kandidaten in der Todeszelle, der in dieser stockfinsteren Ballade auf sein Ende wartet, die Jubelmenge befolgt die wiederholten „scream for me München!“-Aufforderungen allzu gerne, bevor dann ein brillantes „Fear Of The Dark“ als moderner Klassiker die Arena in einen kollektiven Gesangsraum verwandelt. Wenn es einen Signatur-Song der neueren Maiden-Historie gibt, dann ist es der hier: lang, hart, melodisch, mit Solo-Einlagen, die so eingängig sind, dass sie begeistert mitgesungen (!) werden. Aber wer hat denn an der Uhr gedreht?

Kann es sein, dass wir schon den alten Reißer von der „Iron Maiden“ vernehmen müssen, der ja traditionell das reguläre set beendet? Ja, es kann, der Song knallt mit seiner vergleichsweise einfachen Struktur wie immer massiv daher – und jetzt alle Augen auf das Drumkit, hinter dem, so will es die Tradition, nun eine riesige Eddie-Figur erscheint, wieder im schicken Maya-Look. Nochmal Vollgas in Sachen Licht, Kamera, Aktion, dann ist der Zauberspuk vorbei. Aber nicht für lange: das von den Allgemeinbildungslevel-Fans vor allem herbeigesehnte „Number Of The Beast“ eröffnet den Zugabe-Reigen, ebenso begleitet von einer dräuenden Riesenfigur, die aussieht wie der Leibhaftige aus dem Christopher-Lee-Vehikel The Devil Rides Out. Soll er auch, immerhin geht es um Tod und Teufel, und ebenso traditionell überzeugt das Stück zwar durch die schiere Energie und das frenetische Mitsingen der offenbarten Zahlenfolge durch die brodelnde Menge, aber stimmlich und muskalisch ist das wie immer nicht unbedingt das Glanzlicht. Egal, den Schlachtenbummlern sagt es mehr als zu, und mit der üblichen Vorrede über die grenzen-, rassen- und geschlechterübergreifende Macht der Musik („no matter what gender you are – I thought there were only two, but I’m not so sure anymore“ – immer wieder schön) gerät dann das hymnische „Blood Brothers“ zur umjubelten Feierstunde. Ja, und jetzt fehlt nur noch ein Song…natürlich, hier kommt „Run to the“ nix da! Dankenswerterweise lassen sie diesen Überhit, den sie live partout nicht hinkriegen, weg. Richtig. Ich fand das gut. Ich habe nämlich viel lieber das wundersame Stakkato von „Wasted Years“ wieder einmal vernommen, auch wenn Adrian an den Backing-Vocals ein wenig schräg ist und Bruce stimmlich nun das Ende der Fahnenstange erreicht hat – dennoch lässt er sich den Spaß nicht nehmen, Adrian ständig den Mikroständer wegzudrehen. Aus, vorbei, wunderbar, ein krönender Abschluss ist erbracht. Nico wirft zum Rausschmeißer "Always look on the bright side of life" ein paar Drumfelle in die Menge, die wie ein Frisbee bis nach hinten schweben, man verbeugt sich und entschwindet. Iron Maiden is going to get all of you. So schaut’s aus. Und Herr Gers fiel gar nicht runter.

Good Bye - Rockavaria 2016

Und so schlagen wir den Bogen zurück ganz zum Anfang: natürlich könnte man am Rockavaria einiges bemängeln: das Wettrennen zum Klo, das seltsame Lineup am Samstag (das mit dem Zelten lassen wir nicht gelten – reimt sich sogar) – aber entgegen der im Vorfeld häufig geäußerten Vermutung, das sei mit diesem Jahr ein für alle Mal vorbei, darf man sich angesichts der Zuschauerzahlen, der überraschend guten Idee mit der Doppelbühne und der traumhaft gelegenen Seebühne und auch der Einsicht des Wettergottes wohl doch auf eine Ausgabe 3 freuen. Wir bitten darum am besten dann mit Rock- und Metaldisko in der Olympiahalle, damit man ab 23:00 Uhr noch was zu tun hat. Schließlich haben wir es ja nicht weit, und unsere Zaungäste scharren schon. Bis nächstes Jahr, meine Herrschaften. Wir sind wieder dabei! 

UP THE IRONS!!!