Sturzflüge im königlichen Zuschauerraum: das war das Rockavaria 2018

 So wars eigentlich mal gedacht...

So wars eigentlich mal gedacht...

Ein Flugzeug auf der Bühne. Eine rauschhafte Darbietung vor wundervoller Kulisse. Verschwundene Headliner und kuriose Sicherheitskonzepte. Wetterglück im Auge des Sturms. Eines war es ganz bestimmt nicht, das Rockavaria 2018: langweilig.

Mit einer Fellmütze steht er da oben, und einem Wintermantel, und sieht so gar nicht aus, als ob er dieses Jahr noch 60 werden wollte. Passend gekleidet zur Mär von den Agenten, die einsam sterben (unter diesem Titel kennt das deutsche Publikum schließlich Roman und Film), inszeniert Bruce Dickinson mit seinen Kollegen erstmals seit Jahrzehnten wieder „Where Eagles Dare“ – jenen komplexen Knaller, der 1983 auf der World Piece Tour jedes Set eröffnete und somit auch mein erster Maiden Live-Song war. So richtig wahrnehmen kann man das alles gar nicht, schlichtweg zu überwältigend ist diese Kombination aus Klang und Bild: gesegnet mit glasklarem Sound, spielfreudig, technisch brillant, stimmlich über jeden Zweifel erhaben präsentieren sich Iron Maiden in der Form ihres Lebens und zaubern für jeden Song eine eigene Theatralik, gegen die sich eine Musical-Aufführung ausnimmt wie ein Kasperltheater. Ja, es hat leidlich gefallen. Soviel vorab.

Anfangs gilt es allerdings einiges an Hürden zu nehmen, bevor man sich ins Offenluft-Vergnügen werfen kann. Nach der Pausierung im letzten Jahr zog das Rockavaria ja bekanntlich aus dem Olympiagelände mitten in die Stadt auf den beeindruckenden Königsplatz, wo die klassizistischen Bauten der Glyptothek (manch einer sah sich in der Hoffnung auf einen Weinausschank enttäuscht), der staatlichen Antikensammlung und der Propyläen einmal im Jahr als Kulisse für eine rockige Ansetzung herhalten dürfen (so etwa konnte man hier schon Black Sabbath oder Aerosmith bestaunen). Ein Mehrtagesfestival, das war dann allerdings doch etwas Neues, zumal man neben der Hauptbühne (genannt King‘s Stage, wegen Königsplatz, gelle) auch noch mit der kleineren Green Stage im Garten der Propyläen aufwartete.

Auf dem Papier klang das alles somit bestens: 20 Bands an 2 Tagen auf ebenso vielen Bühnen, wobei nach einem metallischen Auftakt-Tag dann Tag 2 mehr auf die Mainstream-Festival-Meute abzielte. Und für genau die setzte es dann kurz vor knapp eine veritable Hiobsbotschaft: aufgrund eines Hörsturzes des Fronters Campino (in den sozialen Medien grassierte die Frage, ob man nachts zu lange im Freibad gewesen sei) mussten die Toten Hosen ihren Auftritt absagen, womit man am Sonntag kurzerhand ohne Headliner dastand. Mit allerlei durchaus fairen Maßnahmen suchte man dieser Malaise zu begegnen (die Tickets konnten zurückgegeben werden, und wer sich nicht verdrießen ließ und dennoch erschien, dem winkte eine Gutschrift von 30 Euro) und setzte Herrn Durst und seine Biscuits einfach auf den Hauptslot. Das sollte uns an Tag 1 allerdings nicht anfechten, die bange Frage richtete sich bei der Anreise noch eher nach den Wetteraussichten: angesagt war erst Brüllhitze und dann heftige Unwetter, die ja schon die letzte Ausgabe 2016 fast zum Abbruch gezwungen hätten. Bewaffnet mit Hut, Poncho und sonstigen Sicherheitsvorkehrungen wandern wir also los und kommen ordnungsgemäß gegen 2 am Gelände an, wo sich am Einlass eine massive Schlange gebildet hat. Im Schneckentempo geht es voran, was daran liegt, dass trotz der doch gut zu kalkulierenden Besucheranzahl – an die 25.000 passen auf den Platz – nur wenige Durchgänge vorhanden sind und jeder Schlachtenbummler durchaus ausführlich untersucht wird, was absolut sinnvoll ist.

Weniger sinnhaft und Anlass zu vielen bösen Kommentaren sind weitere Regelungen: ein Verlassen des Geländes wird mit einem Verwirken der Einlassberechtigung geahndet. Möchte man marodierende Horden im Umfeld vermeiden, oder geht es eher um eine schnöde Umsatzsteigerung drinnen? Lustig dagegen finden wir die explizite Gestattung von Käsebroten: hier scheint uns die ja bekanntlich militant vegane Frau Gluz ihre Finger im Spiel gehabt zu haben, die sich wohl jegliche Fleisch- und Wurstwaren verbeten hat. Nicht verzichten wollen und können wir auf die 0,3 Liter Wasser, die ebenfalls genehmigt sind – immerhin führen wir ureigenste Metal-Motive wie Arielle die Meerjungfrau oder Belle (die Schöne vom Biest) auf unseren Kinderfläschchen mit.

Der Auftakt: Johnny Gallagher, Tuxedo & The Raven Age

 Joel Gallagher

Joel Gallagher

Nachdem die meisten (uns eingeschlossen) zum geplanten Startschuss um 14:30 also noch auf ihr Einlassglück warten, wartet auch Johnny Gallagher mit seiner Boxtie Band noch ein wenig zu, bis man dann gegen 15 Uhr endgültig konstatieren darf: orockt is! Mit Rauschebart und Bikerkluft serviert Herr Gallagher uns durchaus gefällig eine Mischung aus Stoner und ZZ Top, bei denen sich auch Coverversionen von sattsam bekannten Stücken wie etwa dem alten Gassenhauer vom „House Of The Rising Sun“ finden. Wir erkunden derweil das Gelände, das zu diesem Zeitpunkt noch frei begehbar ist: zwei Wellenbrecher sorgen für die grundsätzliche Unterteilung, auch vorne sind Getränkestationen, allerdings leider keine sanitären Einrichtungen, die ausschließlich gleich nach dem Einlass stationiert sind – also gilt es auch dieses Mal wieder, der körperlichen Verfassung erhöhte Aufmerksamkeit zu zollen. Um zur Green Stage zu gelangen, bedarf es einer kleinen Weltreise ganz um die Glyptothek herum, was wir erst einmal hinten anstellen, nachdem jetzt die Österreicher von Tuxedoo ihre Aufwartung machen.  

 Tuxedo

Tuxedo

Die Rasselbande, die als Sieger des Newcomer-Bandcontests ja schon bei der ersten Ausgabe des Rockavaria mitmischen durfte, macht auch gleich ordentlich Alarm: wie eine Trachtenverein-Ausgabe von Slipknot bollern sie los, dazu grunzen die beiden Shouter um die Wette, um sogleich wieder Drums, Kuhglocken und Milchkannen perkussionistisch zu bearbeiten. Neben den Lederhosen gehören auch Themensocken (ein Bein „Heavy“, das andere „Metal“) zum Bühnenoutfit, so dass ich endlich meine Iron Maiden-Socken hochziehen kann, für die ich während der Vorbereitung einiges an Häme einstecken musste. Der Austrian Alpencore (Metalcore mit Thrash-Elementen, für alle Stilpuristen – erinnert im Riffing teilweise an Five Finger Death Punch) läuft derweil zunehmend gut rein und wird von den früh genug Angereisten ordentlich goutiert: „seid’s motiviert?“, fragt uns Shouter Hons, wogegen wir uns angesichts des Baseballschlägers, den der Herr nun schwingt, nichts einzuwenden trauen. Nummern wie „Triduum Sacrum“ sorgen für Stimmung, zumal auch noch ein waschechter Krampus über die Bühne huscht, quasi so eine Art Alpen-Eddie. Zu „Jealousy“ und einem Song, der für uns irgendwie wie „Elkeee“ klingt, bildet sich sogar ein ordentlicher Circle Pit, den die Jungs mit dem alten Gassenhauer „Was wollen wir trinken“ weiter befeuern. Nach „Resurrection“ und „Inner Challenge“ ist dann gegen 16:15 Schicht im Schacht. Guter Gig zu früher Stunde – alle Achtung! Während sich eine kleine Abordnung unserer Truppe nun in Richtung Green Stage aufmacht, um die Flitzefinger von Dragonforce zu bewundern, bleiben wir erst einmal stehen, als die Briten von The Raven Age loslegen.

 The Raven Age

The Raven Age

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob hier die Rollen nicht eher vertauscht sind: dem Vernehmen nach ist der doch eher beschauliche Platz bei Dragonforce rasch komplett überfüllt, während es bei Stevos Sohnemann George Harris doch noch luftig zugeht. Der nagelneue Shouter Matt James hat nicht nur die Haare schön, sondern macht seine Sache in jedem Fall bestens: mit „Eye Among The Blind“ erwischen sie einen guten Start und hangeln sich mit „Promised Land“ trittsicher weiter. Langsam aber sicher gilt es nun allerdings eine folgenschwere Entscheidung zu treffen: in Höhe des zweiten Wellenbrechers bildet sich bereits jetzt eine ordentlichen Menschentraube, die offenbar nur sukzessive weiter nach vorne gelassen wird. Wir optieren also dazu, die wohl letzte Chance auf eine Biopause jetzt zu nutzen und wandern nach hinten, wo wir im Warteknäuel auch unsere Freunde wieder treffen, die doch eigentlich zu Dragonforce wollten. Das schien dann doch etwas verwickelter, weshalb ich an dieser Stelle kurz an Grünbühnenkorrespondent Sebbo abgebe...

Flitzefinger mit Soundproblemen: Dragonforce

Und wahrlich ist das Durchkommen durch die kleine Schleuse, die den Übergang zu Green Stage markiert, mühselig, denn entgegen unserer Annahme, dass der dragonforcesche (geiles Wort...) melodische High-Speed-Metal aus England nur ein Nischenpublikum hier finden würde, ist gefühlt fast jeder hier in unsere Richtung unterwegs. Im malerischen Patio angekommen haben wir glücklicherweise die famose Eingebung, uns ganz außen am Zaun bis ganz nach Vorne links um den großen Pulk, der natürlich erstmal mitten im Weg stehen bleibt, herumzubewegen. Und siehe, da... vorne ist noch mehr als genug Platz. Na dann mal los meine Herren, wobei los!? Viele haben wohl angenommen, dass das was jetzt hier abläuft noch Teil des Soundchecks ist, denn während sich die Flitzefinger Herman Li und Sam Totman mit dem Opener "Reaching Into Infinity" schon mal in Rage klimpern, unterhalten sich vor der Bühne noch alle gelassen weiter - weils eben geht. Als dann die blonde Rampensau Marc Hudson mit spiegelnder Sonnenbrille auf die Bühne wirbelt, wird es uns aber dann doch klar: Das ist schon der Auftritt Dragonforce!!! Nur halt in leise. Nichtsdestotrotz werden die Jungs von dem Publikum auf dem inzwischen wahrlich gut besuchten Platz vor der Green Stage frenetisch empfangen. Was soll man auch tun? Für die Melodic-Speed-Metal-Fraktion ist das auch die einzige Chance heute noch was mitzunehmen. Leider ist die Soundwand aber nicht nur leise, sonderns auch sonst etwas sagen wir mal etwas schräg. Während man Stimme und Gitarren - sofern der Nachbar Ruhe gibt - ganz vernünftig vernehmen kann, ist von dem eigentlich treibenden Drumming von Herrn Anzalone, welches den Dragonforce-Sound ja nicht unerheblich trägt, kaum etwas mitzubekommen.

 Dragonforce

Dragonforce

Auch Versuche des Publikums, abwechselnd mit "Lauter"- und "Noch ein Bier"-Rufen, das die Situation irgendwie retten will werden erstmal nicht wahrgenommen. Aber irgendwann versteht Sänger Marc was los ist, fragt aber besser noch mal nach: "Should we play it louder?". Aber Pustekuchen... offensichtlich gibt es eindeutige Rückmeldungen vom Mischpult, dass diesem heeren Wunsch, trotz vehemenden Zuspruch nicht stattgegeben werden kann. Aber immerhin ... der Sound wurde im Laufe des Sets besser. Umso mehr freuen wir uns aber, dass die Jungs trotz allem gut drauf sind und uns mit allerlei artistischen Gitarrenwürfen zumindest visuell gut unterhalten. Der Reigen geht weiter mit einem wilden Cover von "Ring of Fire", dem mächtigen "Cry Thunder", sowie dem melodischen "Seasons" (Für die Damen, wie man uns mitteilt). Und dann fällt auch noch das Mikro aus. Während sich Sänger Marc nach einem Ersatz umschaut, scheint die Stunde des Alleinunterhalters und Bassisten Frederic Lerclerc gekommen zu sein, der im feschen Manowar-T-Shirt (darf man sowas schreiben??) "Hier kommt Alex" von den Hosen anstimmt, was vom Publikum sofort aus tausend Kehlen mitgegröhlt wird. Das wiederum hat selbigen aber dann so erschrocken, dass er erstmal eine Jack-Daniels-Flasche herauskramt und einen guten Schluck nimmt. Irgendwann geht das Mic wieder und was fehlt noch? Klar, der Guitar-Hero-Klassiker "Through The Fire And Flames", den uns Dragonforce natürlich noch gut gelaunt vor den Latz knallen. Insgesamt eine passable Samstag-Nachmittags-Unterhaltung, leider zu leise, aber trotzdem ganz passabel.

Killswitch Engage und der heilige Taucher

Wieder zurück auf dem Hauptgelände stellen wir beim Versuch, wieder nach vorne zu wandern, entsetzt fest, dass man an dem klitzekleinen Durchgang offenbar niemanden mehr vorbeilassen möchte. Nun beginnt ein Spielchen, was die Gemüter der Angereisten relativ schnell zum Kochen bringt: erst heißt es, es dürfen nur so viele Leute vor wie auch herauskommen. Diese Nachtclub-Politik geht völlig ok und ist legitim, aber warum dann Dutzende von Leuten vorbeiströmen, ohne dass wir nachrücken dürfen, bleibt uns verschlossen. Die Stimmung wird zusehends schlechter, und plötzlich verfällt man auf immer abstrusere Systeme: erst werden den Leuten, die auskunftsgemäß zur Toilette wollen, Kreuzchen aufgemalt, dann Stempel – was den armen Wichten, die wie wir eben hic et nunc draußen stehen, herzlich wenig bringt, zumal sich vorne mittlerweile gähnende Leere breit macht. Besteht das Sicherheitskonzept etwa darin, die Bands vor leeren Absperrungen spielen zu lassen? Der Unmut von Fans, die um 17 Uhr (!) schon ihre Chancen schwinden sehen, bei den Hauptacts zumindest halbwegs vorne zu sein, ist mehr als nur verständlich. Dabei wäre die ganze Chose doch mit Bändchen ganz einfach zu lösen, wie man das bei anderen Konzerten ja zu Hauf kennt: first come, first serve, bis es eben zu Ende ist.

 Killswitch ENGAGE

Killswitch ENGAGE

Egal, irgendein System wäre gut gewesen, aber diese ziemliche Willkür brachte viele auf die Palme und hinderte auch einige unserer Mitgereisten, die Konzerte so zu betrachten wie man das geplant hatte. Irgendwann schaffen wir es dann doch noch, den ersten Wellenbrecher zu erreichen, und Stempel hin, Kreuzchen her, mich bekommt hier niemand mehr weg, Getränkezufuhr einstellen, nächster Boxenstopp dann eben um 23 Uhr, also in sechs Stunden. Da ist eben höchste Konzentration angesagt. Wie schon bei den letzten beiden Ansetzungen gerät damit ein Hygiene(sic)faktor wie Toiletten und Zugangskonzept zum einzigen wirklichen Schwachpunkt an einem Festival, an dem es sonst nichts auszusetzen gibt. Schade, weil zu vermeiden. Von diesen Schrecksekunden erholen wir uns allerdings bald, denn pünktlich um 17:30 springen Killswitch Engage auf die Bühne, die ja auf der gesamten Maiden-Tour den Support-Act geben. Adam Dutkiewicz verzichtet heute zwar auf das Hasenkostüm, aber mit kurzem Beinkleid und Muskelshirt hüpft, eiert und albert sich der Mastermind wie immer nicht ganz ernsthaft durchs Geschehen. Die Metalcore-Front mit Sänger Jesse Leach, der 2012 das Mikro (wieder) von Howard Jones übernahm, knallt mit „Strength Of The Mind“ und „A Bid Farewell“ gleich mal ordentlich einen vor den Latz und lässt vor allem in der ersten Hälfte des Sets den Knüppel aus dem Sack.  „This Is Absolution“ und „Alone I Stand“ prügeln weiter fröhlich durchs Gebüsch, während sich Shouter Leach in gleichbleibender Argumentationsdichte wahlweise über das Bier („Prost you fuckers!“), die Politik („fuck the system!“) oder auch das Wetter („fuck the rain!“) äußert. Am Himmel dräut es nämlich mittlerweile massiv, wir packen somit getreulich unsere diversen Klüfte aus und hüllen uns ein, was aufgrund der Hitze anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber die Abkühlung tut durchaus wohl, wie auch die Tatsache, dass die Amis auf der Bühne zunehmend ihre melodischen Stückchen auspacken und mit „Rose Of Sharyn“ und dem wunderbaren „The End Of Heartache“ nun auch meine persönlichen Favoriten am Start sind. Dass sie als krönenden Abschluss auch noch ihre krachige Version vom „Holy Diver“ von der Kette lassen, das erfreut dann sogar die Kollegen, die mit dem Metallkern ansonsten weniger anfangen können. Unterm Strich somit dann doch noch eine runde Sache für alle.

Schalte zum Mittelaltermarkt: Eluveitie

 Eluveitie

Eluveitie

Damit schalten wir noch einmal zurück in den Green Room ... äh zur Green Stage. Dort haben sich nämlich inzwischen die mittelaltermarkttodesmetaller Eluveitie eingefunden um mit uns ein kleines Fest zu feiern. Aber auch diese müssen sich heute mit einem eher mäßigen Sound abfinden. Haken dran, schauen wir uns lieber an, was die Schweizer mitgebracht haben. Die lassen sich nicht lumpen und schmeißen gleich zu Beginn erstmal die Death-Walze "Your Gaulish War" in den Ring. Ein perfekter Auftakt für die heutige kleine Reise durch einen großen Teil des Backkatalogs der Band.  Neben dem charismatisch-bemützten und wild um sich brüllenden Sänger Chrigel, ist natürlich wie immer die weibliche Streicher-, Drehleier- und Harfen-fraktion ein herrlich anzusehender Blickfang auf der Bühne. Und ja, man darf konstatieren, Fabienne Erni, die Neue Dame an Gesang und Harfe hat sich eingelebt in der Kapelle und es fühlt sich eigentlich direkt so an, als wäre sie schon immer dabei. Es ist erstaunlich, was für eine kompakte Soundlandschaft Eluveitie mit dem Sammelsurium an Musikern und Instrumenten mit Songs wie "Nil" oder "Omnos" wieder und wieder aus den Boxen hervorzaubern. Zumindest bis Fabienne ihre mutige Soloeinlage mit der Ballade "Artio", die quasi ansonsten ohne weitere Instrumentierung auskommt, bekommt. Mutig, weil das die Stimmung natürlich erstmal komplett in den Keller zieht, auf der anderen Seite schafft es Fabienne aber doch wieder, die Leute mit Ihrer elfenhaften und durchdringenden Stimme auf Ihre Seite zu ziehen. Ist das geschafft, schöpfen Eluveitie weiter aus den Vollen und kredenzen uns mit "Thousandfold", "A Rose for Epona" und dem überragendem, nicht mehr aus dem Kopf zu bekommenden "Call Of The Mountains" Hit auf Hit. Echt, Jungs und Mädels, die Bandbreite, an qualitativ hochwertiger Musik, von Grunzhymne bis Vokalballade, die man hier geboten bekommt ist sensationell. Da bricht auch der Regen der inzwischen eingesetzt hat und das Publikum in ein Meer aus Regenponchos verwandelt hat keinen Zacken ab. Hammer! Allerdings ist nun die Zeit gekommen, das Mittelalter zu verlassen, um sich einen möglichst guten Platz vor der Hauptbühne für die Aufführung von Frau Gluz zu erkämpfen (Was im Nachhinein recht dumm war, da es nicht geklappt hat. Stichwort Stempel und so). Aber wie gesagt, Eluveitie ist ohne wenn und aber eine spektakuläre Live-Band und das haben sie auch heute trotz Regen und mittelprächtigem Sound wieder gezeigt und mit diesen Worten gebe ich zurück zur Hauptbühne wo Reling- und Geländerspezialist Holgi genau aufpasst, dass keiner die Absperrung in der ersten Reihe wegträgt.  

Das blaue Wunder: Arch Enemy

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Die Spannung steigt nun zunehmend, denn zum einen bleibt die bange Frage, ob wir demnächst die Extremdusche abbekommen, die zu befürchten ist – und zum anderen will wirklich jeder wissen, ob und warum Frau Gluz auch heute wieder so erzürnt ist, dass sie uns in Grund und Boden schreit. Vom Start weg geben Arch Enemy Vollgas und steigen wie auf der zurückliegenden Gastspielreise – unsere Postille berichtete – mit dem Opener der aktuellen Langrille „The World Is Yours“ massiv ein. Die Instrumentalfraktion der Herren Ammot und Loomis brilliert wie üblich erwartungsgemäß mit Messer-Riffs und höchst melodischen Solo-Einlagen. Aber die blaue Maus beißt keinen Faden ab, alle Augen sind natürlich auf das Energiebündel gerichtet, das mit Schnalzhose und Schlumpf-Haaren da über die Bühne tobt: Alissa versohlt uns wieder wunderbar den Hintern, grunzt und growlt was das Zeug hält (wir philosophieren kurz, dass wir nach 20 Sekunden völlig heiser wären), schüttelt die blaue Mähne und dräut ansonsten mit den Wolken um die Wette. „We are Arch Enemy – and this – is fucking war!“, so kündet sie von der sich nun anschließenden Großtat „War Eternal“, die ordentlich ins Tanzbein fährt. Hossa, was ein Auftaktstreich!

Die Abrissbirne „My Apocalypse“ walzt wieder einmal alles nieder, Alissa schwenkt eine schwarze Fahne, wie das Brauch ist, und richtet dann doch tatsächlich einige Worte an uns: man sei froh, vor dieser beeindruckenden Kulisse spielen zu können, so informiert sie uns, was wir ihr jetzt mal glauben – der Königsplatz mit einer ganz langsam sinkenden Sonne ist nichts anderes als imposant, zumal sich die Regentropfen zwar relativ dick die Ehre geben, aber immer recht schnell wieder verziehen. „You Will Know My Name“ swingt monstermäßig durchs Gehölz, bevor sich die Dame dann zu „Ravenous“ anschickt, komplett abzuheben. „The Eagle Flies Alone“ schlägt für diese Verhältnisse fast beschauliche Töne an, was dann beim Brecher „As The Pages Burn“, der Brachialität und Virtuosität in zweistimmigen Soli verbindet, nicht mehr der Fall ist. Bei „We Will Rise“ wirft Frau Gluz dann ihren Mikroständer von sich, bevor dann mit einem alles erschütternden „Nemesis“ Schicht im Schacht ist. Mit dieser Vehemenz überzeugen Arch Enemy auch Schlachtenbummler, die mit melodischem Death üblicherweise nichts am Hut haben – Schade nur, dass man die Spielzeit nicht ganz nutzt und schon um 19:50 Ende im Gelände ist. Sei’s drum, vielleicht musste die Holde ja noch die Käsebröter kontrollieren oder ihrem Holden Doyle Wolfgang von Frankenstein von den Misfits die Haare festkleistern. Wie dem auch sei: die blaue Brülldame war wieder ganz famos.

The One And Only: IRON MAIDEN

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Jüngst stand in einer durchaus respektablen Gazette zu lesen, laut einer aktuellen Studie verlängerten Konzertbesuche das Leben: die positiven Emotionen, die durch (Vor)freude und Begeisterung dabei entstehen, sorgen wohl dafür. Nimmt man dies als Gradmesser, dann sollte die nun bevorstehende Attraktion mehrere Monate Lebenszeit ergeben. Denn man dürfte kaum eine Kombo außer Iron Maiden finden, deren bunt gemischtes (jung und alt, klein und groß, männlein und weiblein – hier erledigt sich jede diversity-Debatte) Publikum es schon im Vorfeld kaum erwarten kann, dass die Setlist endlich bekannt wird. Nachdem eben diese bei der „Legacy of the Beast“-Tour ganz besondere Leckerbissen aus der ganzen Bandhistorie auffährt – darunter Stücke, die schon Jahrzehnte nicht mehr am Start waren –, ist die Spannung nahezu greifbar, die sich gegen 20:30 über das Gelände legt. Auf der Bühne sind viele Hände emsig dabei, eine offenbar gigantische Inszenierung herzurichten, die man ja vom Tour-Trailer zumindest in kurzen Schlaglichtern kannte: eine Spitfire war da zu sehen, und ein riesiger Ikarus. Nichts anderes als ein Spektakel war zu erwarten, das dann pünktlich um 21 Uhr mit dem etatmäßigen „Doctor Doctor“ vom Band seinen Lauf nimmt. Welche andere Band schafft es denn, dass das Publikum selbst den immer gleichen alten Hard Rock-Song aus der Konserve abfeiert, nur aus der Gewissheit, dass es jetzt gleich losgeht? Es wird einem richtiggehend mulmig, man ist hibbelig und weiß genau, dass es auf der Welt im Moment keinen besseren Platz als hier gibt. Und da schwebt sie tatsächlich über der Bühne empor, eine Spitfire in Originalgröße, über die Leinwände flimmern wacklige Schwarz-Weiß-Bilder von Luftkämpfen, und eine knorrige Stimme verkündet: „We shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender!“ Zu den Auftakt-Harmonien von „Aces High“ wabert die Bühne in Nebel, mit dem eigentlichen Startschuss des Songs springen die Herren dann endgültig hervor, und der mittlerweile mehr als gut gefüllte Königsplatz geht in den kollektiven Ausnahmezustand.

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Ich bezeichne diesen Song ja gerne als Bravourstück des technisch anspruchsvollen Heavy Metal, mit seinem exakt spiegelbildlichen Aufbau, der sinnverwirrenden instrumentellen Virtuosität und vor allem den schwindelerregenden Gesangslinien – und genau für diese ist ja unser Lieblingsflugkapitän zuständig, der jetzt mit einem Riesensatz auf der Bühne landet. Mit Fliegerkappe und Jacke fegt Bruce Dickinson über die Bretter, während seine Arbeitskollegen wahlweise in Maiden-Shirts oder in Fußball-Klamotten präzise und glaubhaft spielfreudig agieren. Stimmlich ist er absolut auf der Höhe heute und meistert selbst die schroffsten Klippen, während die Spitfire mit drehendem Propeller immer abenteuerlichere Manöver unternimmt. Das ist kein Rockkonzert, das ist das, was Dickinson in seiner höchst spannenden Autobiographie als theatre of the mind bezeichnet, eine szenische Aufführung ihres Werks. Man kann das alles so schnell gar nicht wahrnehmen, das Backdrop wechselt zu einem verschneiten Alpenschloss, Bruce erscheint in der Wollkappe und bringt uns „Where Eagles Dare“, die lange nicht gehörte, musikalisch brillant-verspielte Hoppelattacke, die wir eingangs schon erwähnten. Es bleibt nicht einmal Zeit sich zu schütteln, da zerschneidet schon das Stakkato-Riff von „2 Minutes To Midnight“ den Münchner Nachthimmel, der Refrain wird aus tausend Kehlen mitgetragen, während Bruce im feschen Wams auftritt und seinerseits auch die Haare sehr schön hat. Was eine Attacke gleich zum Einstieg! Jetzt kommen wir ein kleines bisschen zu Atem, Herr Dickinson begrüßt uns und stellt grammatikalisch husarenhaft fest, dass der Regen auf ihr Geheiß aufgehört hat – „we fucked off the rain“. Das kann sonst nur Chuck Norris. Die Freiheit sei ein wichtiges Gut, heute wie damals, als ein gewisser William Wallace (auch genannt Mel Gibson) gegen seine Unterdrücker aufstand, berichtet Bruce weiter, was wir nun mit dem „Clansman“ ordentlich begehen. Bruce, der sich schon wieder umgekleidet hat und nun im flotten Rüschenhemd erscheint, zückt hierzu ein leibhaftiges Schwert, die Nummer (eines der Highlights der eher glücklosen Blaze Bayley-Ära) wird frenetisch gefeiert und entpuppt sich wieder als idealer Live-Kracher, zu dem Bruce sogar in augenzwinkernder Manier den Riverdance macht. Die hymnischen Teile schallen ihm vom entrückten Publikum textsicher zurück – das „come on, Deutschland!“ wäre fast schon überflüssig.

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Nächster Kostümwechsel (Helene Fischer und Konsorten könnten hier mal lernen, wie schnell das geht): eine Militärjoppe ist jetzt an der Reihe, mit einem berittenen Eddie im Hintergrund. Auf die Geschichte der Attacke der leichten Brigade passt die Bezeichnung altes Schlachtross wirklich famos: nicht unterzukriegen ist er, der „Trooper“, zumal nun erstmals auch Eddie in voller Lebensgröße in Kavallerie-Montur auf die Bühne stapft und sich ein Degenduell mit dem doch ein wenig versierteren Fechter Bruce liefert. Errol Flynn wäre stolz gewesen, wie man seine Darbietung hier würdig fortführt. Und am Ende schießt Bruce sogar noch aus einer Deutschland-Flagge diverse Flintenladungen ab – das kann man nicht besser machen. Vielleicht kommen wir ja jetzt endlich mal ein wenig zu Atem, das nun folgende „Revelations“ besteht ja zumindest teilweise aus wunderbaren atmosphärischen Teilen, die man uns hier und heute vor der mittlerweile zur Kathedrale mutierten Bühne aufs trefflichste darbietet. Komplexe Melodie (auskunftsgemäß eine Verneigung vor Jethro Tull), ein wunderhaft-mysteriöser Text, den man aus Kirchenchorälen zusammengeräubert hat, und ein Bruce in Hochform – für mich eines der unbestrittenen Glanzlichter dieses Abends, der an solchen ja nun wahrlich nicht Mangel leidet. Eine der wenigen Nummern neueren Datums vom oft ein wenig vernachlässigten „A Matter Of Life And Death“-Album steht uns nun ins Haus – das ist jetzt weniger zum Ausrasten, eher zum Stehen und Zuhören, wie die neueren progressiven Stücke eben so sind, und „For The Greater Good Of God“ kommt an dieser Stelle in dieser Form exakt richtig daher. Ihre stürmische „wir sind wieder da“-Rückmeldung „The Wicker Man“, die vor einigen Jahren das Reunion-Album „Brave New World“ eröffnete, zündet wie stets bestens und versetzt den Platz einmal mehr in Mitsing-Attacken. Nun aber dräut es ganz gehörig, nicht oben am Himmeln, sondern auf der Bühne: zappenduster wird es, dann blutrot, das Backdrop zeigt eine apokalyptische Szene, die mir mein kunsthistorisch versierte Mitgereister als Referenz auf den „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch – also den Höllenteil davon – erläutert. Bruce stapft mit schwarzem Kapuzenmantel und Kreuz auf die Bühne, was die finstere Stimmung des nun folgenden Epos „Sign Of The Cross“ wunderbar in Szene setzt. Dieser Song, der verhalten beginnt und sich zu einem Melodie-Fest steigert, dürfte das Glanzlicht der Zeit ohne Bruce sein und bleiben. Mächtig! Jetzt aber heißt es (wieder) anschnallen und abheben: ein gigantischer Flügelmensch wird da emporgezogen, jawohl, wir sahen das schon im Tour-Trailer – einer ihrer größten Hits, den sie sage und schreibe seit 1986 (!) nicht mehr im Programm hatten, kommt zu Ehren: zu „Flight Of Icarus“ erscheint Bruce mit einem Flammenwerfer-Paket bewaffnet – offenbar die weniger bekannte Variante des Mythos, in dem der Gute nicht zu nah an der Sonne, sondern zu nah am Flammenstrahl war. Das Ganze scheint nicht ungefährlich, Bruce (der stimmlich zu immer neuen Höhenflügen ansetzt) wägt jeden Feuerstoß sorgsam ab und schafft es, weder sich noch einen Kollegen anzuzünden.

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Der Bühnenikarus klappt am Ende verkohlt zusammen und stürzt in die „Tiefe“ – das ist Kino, wie es sein soll. Schlag auf Schlag geht es weiter mit einer Melodie, die nun aber jedem Besucher das Schaudern lehrt: Bruce erscheint mit Karnevalsmaske, Zylinder und Laterne als düsterer Friedhofsbesucher, der geradewegs einem Universal-Horrorfilm entsprungen scheint, und intoniert „I am a man who walks alone…“ „Fear Of The Dark“ entfesselt dann die etatmäßige Gesangs- und Feierorgie, wobei die magische Wirkung heute nicht ganz so zum Tragen kommt wie etwa letztes Jahr in der Frankfurter Festhalle. Aber das ist nun wirklich Mäkeln auf ganz hohem Niveau! Der Platz ist mittlerweile an jeder Ecke bevölkert, auf allen Treppen drängen sich die Leute, und sogar die Polizei lässt sich das Spektakel nicht entgehen und schaut aus schwindelerregender Höhe vom Dach der Propyläen (!) zu. Wir biegen nun langsam aber sicher auf die Zielgerade, der ganze Tag mit Hitze und ohne Getränke fordert langsam seinen Tribut, aber dennoch notieren wir erstaunt, dass das eigentlich doch immer verhunzte „Number Of The Beast“ heute live strahlt – auch hier muss ich meinem Kompagnon zustimmen. Zu „Iron Maiden“ gibt es dann den gigantischsten Eddie, den man je sah, komplett mit den Hörnern, die er auch auf dem „Legacy Of The Beast“-Tourposter vorführt. „Auf Wiedersehen!“, ruft uns Bruce noch zu – wir sind stehend ko, vollkommen überwältigt und entrückt.

Aber noch ist es nicht zu Ende, zu dem auch lange nicht gehörten „The Evil That Men Do“ führt Bruce den gleichen Balance-Tanz auf, den wir schon 1988 in Schweinfurt beobachten konnten, als wir damals Sturzbier in pig city machten, bei „Hallowed Be Thy Name“ sperrt sich Bruce in einen Käfig und lässt eine Schlinge baumeln, bevor dann ein ebenfalls überzeugendens „Run To The Hills“ endgültig den Schlusspunkt setzt. Benommen schauen wir noch zu, wie Nicko McBrain in den gewohnten Badeschlappen und Radlerhose hervorlatscht, ziemlich alles, was er bei sich hat, in die Menge wirft und dabei auch dafür sorgt, dass ein Kind in der ersten Reihe in jedem Fall etwas mit nach Hause nehmen kann. Er ist halt höflich. Zum Rausschmeißer „Always look on the bright side of life“ wandern wir nach draußen, wo man uns lobenswerterweise durch die Absperrung lässt, die vor einigen Stunden nahezu unser Verhängnis geworden wäre. Welch absurder Gedanke. Nach einer kleinen Reunion mit anderen, auch angereisten alten Bekannten und einem olympiareifen Sprint beim Umstieg in U- in S-Bahn, den einer unserer Kumpane zu einer akrobatischen Einlage nutzt und die Rolltreppe erklimmt, obwohl er die falsche Seite erwischt und gegen die Laufrichtung anrennen muss, gönnen wir uns dann noch zu mitternächtlicher Stunde eine konkrete Grillung und diverse Getränke. Drinnen war das ja eher schwieriger. Wir verabschieden uns und sind gespannt, was Tag 2 für uns bereithält. Eines steht dabei allerdings jetzt schon fest: zu toppen ist das nicht mehr. Gute Nacht.

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Der zweite Tag: Bier, Hunde, Bullen, Süßwarenkringel und Biskuits

Da ist er nun also, der zweite Tag des Rockavaria Festivals 2018 und der Tag, der ohne den Headliner auskommen muss. Für den Durchschnittsmetalfan klingt das Lineup des heutigen Tages gelinde gesagt durchwachsen, aber das soll uns nicht davon abhalten, auch heute das ehrwürdige Gelände am Königsplatz unsicher zu machen. Und auch für diese Tag gilt, manchmal ist mehr drin, als man denkt. Besonders wenn die Erwartungen schon relativ niedrig sind.

Helene Fischers beste Freunde: Turbobier

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Los geht der heutige bunte Reigen mit den Wiener Punkern Turbobier, die uns erstmal überzeugend erklären, dass sie sich sehr geehrt fühlen, Iron Maiden als Vorgruppe zu haben, denn die haben ja quasi gestern Abend hier direkt vor Ihnen hier gespielt. Gut, soweit, dass der Traum Wirklichkeit wird, sind die Kollegen auf der Bühne wahrscheinlich noch nicht, aber auf der anderen Seite muss man ihnen zugestehen, dass ihr Auftritt, kurzweilig und überaus amüsant ist. Und das nicht nur wegen der Kalauer die Sänger Marco Pogo (?) wie am Fließband von sich gibt, auch die dargebotene Musik hat alles, was ein Punkthementag so braucht. Drumming und Bass gehen in die Beine, die Gitarren hauen einfache aber prägnante Akkordfolgen ins Publikum, und Herr Pogo weiß da durchaus Melodien darüberzulegen, die man einfach mitgröhlen kann (zumindest, wenn man sich halbwegs an den Wiener Dialekt gewöhnen kann) und das Wort Bier kommt eh gefühlt in jeder zweiten Textzeile vor. Aus meiner Sicht: "Mission Accomplished". Was zusätzlich noch auffällt ist, dass die Jungs die wahrlich große Bühne gemessen am eigenen Bekanntheitsgrad extrem gut auszufüllen wissen. Wo andere gerne mal verloren herumstehen zeigen uns Turbobier wie Stageacting und Posing um diese Uhrzeit auszusehen haben.  Sicher, ist das nicht jedermanns Sache, aber wer Lärm und Bier mag sollte ist hier gut aufgehoben und für alle, die noch nicht komplett von dem Zeug überzeugt sind, hauen uns Turbobier dann noch Helene Fischers Welthit "Atemlos durch die Nacht" als "Arbeitslos durch den Tag" um die Ohren, was für ein schönes Remake.

Die Crossover Kings mit Saxophon: Dog Eat Dog

 Kühleszeug isst Hunde...

Kühleszeug isst Hunde...

Wenn man den Blick über das Gelände schweifen lässt, dann merkt man, dass die Ticketrückgabeaktion wohl durchaus angenommen wurde, hatte man gestern noch Probleme immer da hin zu kommen, wo man will, kann man heute gemütlich auf der Wiese fläzen und sich in Folge anschauen, welche Musik man in seiner Jugend frönte oder eben verpasst hat. Dog eat Dog ist eine dieser Kapellen, an denen man 90ern eigentlich nicht vorbeikam. Warum? Die Jungs aus New York gelten als Mitbegründer des Crossover-Szene, die sich gefühlt jahrhundertelang kreuz und quer durch MTV & Co zog. Muss man das heute noch hören? Muss nicht, aber man kann (Immerhin durften die Jungs ja mal mit dem ehrwürdigen Ronnie James Dio zusammenarbeiten!!!). Das Erstaunliche ist nämlich, dass, auch wenn es einem gar nicht wirklich bewusst ist, man quasi die ganzen Gassenhauer, die uns der in buntem Hawaiihemd und obligatorischen Shorts gekleidete Sänger John Paul Luke Connor (Was für ein Name!!) um die Ohren haut, kennt. Dazu kommt dann noch das prägnante Saxophon, welches Lieder wie "Whos the King", "Rocky" oder den Übersong "No Fronts" zu unvergessenen Meilensteinen der Musikgeschichte gemacht hat. Auch über den Auftritt von Dog Eat Dog kann ich, auch wenn das Gehüpfe nicht so ganz unser Ding ist, ein solides Resümee ziehen. Mal abgesehen davon, dass ich mit Herrn Connor nach der Show noch eine lustige Diskussion über Herrn Trump führen durfte - er scheint kein großer Fan seines Präsidenten zu sein. Wie auch immer, wer diese Hüpfparty verpasst hat und das noch mal miterleben will, kann das auf dem Free & Easy 2018 im Backstage nachholen, denn dort werden die Jungs auch wieder vor Ort sein. 

Endlich wieder Metal: Emil Bulls (& Royal Republic?)

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Als nächstes stehen Emil Bulls auf der Hauptbühne auf dem Programm und damit die einzig wahre Chance sich heute mit anständigen metallischen Riffs den Hintern versohlen zu lassen. Und mit "Kill your Demons" und "Between the Devil And The Deep Blue Sea" legen die Jungs aus dem Münchner Umland schon mal anständig und ziemlich brachial los. Ja, so muss das! Leider springt der Funke, mal abgesehen von den ersten paar Reihen, nicht wirklich auf das Publikum hier am Königsplatz über, was aber sicherlich nicht an der Darbietung der Bulls liegt, die geben sich nämlich redlich Mühe etwas Schwung in den Nachmittag zu bekommen, aber für den Durchschnittsbesucher hier und heute sind Gutturalgesang und Zementriffs eventuell doch etwas skuril. Was solls, heute ist es einfach sich bis an den vordersten Bühnenrand zu bewegen und so muss es einen ja nicht kümmern, was hinter dem ersten Wellenbrecher los, oder eben nicht los ist. Konzentrieren wir uns lieber wieder auf die Bühne wo es mit "Not Tonight Josephine" und "The Most Evil Spell" auch mal ruhigere und melodischere Töne angschlagen werden. Fashionmäßig bleibt Herr von Freydorf seinem Stil treu, und hat sein einziges T-Shirt (das mit dem Chicago-Bulls-Aufdruck), das er im Schrank hat, wieder übergeworfen. Konsequent ist konsequent. Bei "The Jaws of The Oblivion" marschieren wir mit den Bulls bis an den Rand der Welt - immernoch ein krasser Ohrwurm - und während wir bei "The Ninth Wave" nochmal anständig die  - wenn vorhanden - Haare schütteln dürfen, trennen sich unsere Wege mit, wie soll es auch anders sein "Worlds Apart". Für mich das Highlight des Tages. Auf der Wiese chillen, Bier trinken und angemessenen Lärm von der Bühne goutieren. Fast wie ein richtiges Festival, nur mit mehr Platz... . 

Währendessen scheinen Royal Republic auf der grünen Bühne mächtig aufgetrumpft zu haben, denn alle, die mir aus der Ecke begegnen, haben ein Riesengrinsen im Gesicht. Was war da los? Keine Ahnung, ich war nicht da, aber man munkelt, dass man sich mit einer überraschenden Songauswahl (Maidens Fear Of The Dark und Metallicas Battery) die Herzen der Zuschauer mehr als nur ein bisschen hat erobern können. 

Twist mit Schwestern: Donots

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Während ich lerne, dass Donuts und Donots zwei ganz verschiedene Sachen sind, besteigen letztere die Bühne und erinnern uns daran, dass heute eigentlich Punkthementag angesetzt war. Durch die Absage der Hosen ist dieser natürlich etwas verwässert, aber diese sind wiederum auch der Grund wieso die Nichtstuer (da kommt nämlich der Name eigentlich her) plötzlich Rockavaria-Coheadliner auf der Hauptbühne geworden sind. DAs hat sich wohl noch nicht zur Band durchgesprochen, denn Ingo Knollmann schreit erstmal "Ich mach nicht mehr mit" von der Bühne. Was ist los? Zu wenig Leute da, oder was, oder einfach nur Punk-Attitüde? Ans aufhören denken die Jungs dann allerdings überhaupt nicht und covern erstmal einen Hosen-Song (Opel-Gang) was den ein oder anderen Sympathiepunkt verspricht. Die Songs, die danach kommen, sind dann nicht nur teilweise englisch sondern auch deutlich im Alternative-Rock teilweise auch Pop verankert. An sich guter Stoff, einfach geradlinig, lustig und wild, eventuell etwas zu brav. Andrerseits merkt man aber auch deutlich, wo sich die Donots wirklich zu Hause fühlen, gerade wenn sie uns solche Sachen wie "Whatever happened to the 80s?" fragen. Und dann auch das noch, sie wollen es nicht mehr Nehmen! Da blüht das Metallerherz aus den 80ern tatsächlich noch mal auf. Jetzt hauen uns die Kollegen doch glatt Twisted Sisters unvergessenen Gassenhauer "We`re Not Gonna Take It" um die Ohren. Uminterpretiert als Anti-Nazi-Hymne. Respekt, da sind wir gerne dabei. Danach bleibt dann allerdings nur noch die Mitsingpowerballade "So Long", bevor auch dieses Stelldichein sein Ende findet. Kann man machen, die Donots haben Ihren Bekanntheitsgrad sicherlich nicht umsonst, und warum, auch das konnten sie heute hier am Königsplatz zeigen.   

Die finale 90er Jahre Disko: Limp Bizkit

Damit wären wir dann beim finalen Akt des Rockavaria 2018. Schauen wir noch einmal kurz zurück. Das Rockavaria hat uns in den letzten Jahren zahllose unvergessliche Konzertmomente und sensationelle Bands hier in die bayerische Hauptstadt eingeflogen. 2x Maiden, Metallica, Nightwish, Slayer, Kiss,  Kreator, Ghost, Within Temptation, Arch Enemy, Sabaton, Anthrax, Powerwolf und so weiter. Und auch heute wäre mit den Toten Hosen sicher ein weiteres Highlight zu dieser Liste hinzugekommen. Die Frage, die sich nun aber stellt, ist, ob ein Mann in Schlafanzug einen würdigen Headliner für diesen Sonntag abgeben kann? 

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Mit einem riesigen Cadillac-Backdrop und einem "Hot Dog" in der Hand tauchen die Amis den Königsplatz erstmal in ein Hip-Hop-Crossover-Gewand. "You wanna F&/(&ck me like an Animal?", nö Danke. Lass mal. Zugeben muss man aber, dass Herr Durst und seine Rasselbande, zumindest in den vorderen Reihen, doch besser als gedacht ankommen. Profitieren können Limp Bizkit definitiv davon,  in Radio und Fernsehen so dermaßen präsent gewesen zu sein, dass man, auch wenn man die Karriere der Jungs nicht verfolgt hat, kaum einen Song nicht wiedererkennt. Lieder wie "Rollin", "My Generation", "My Way", oder "Nookie" sind halt nun mal als Vorzeigenumetal in die Annalen der Musikgeschichte eingegangen und machen es einem mit ihrem lässigen Beat recht schwer ruhig stehen zu bleiben, ob man will oder nicht. Das kosten insbesondere die Teilnehmer des riesigen Circle Pits, der quasi zu einem Dauerzustand während der ganzen Show wurde, vor der Bühne mehr als nur ein bisschen aus. Grund zwei warum das heute hier nicht schiefgeht, ist das sich Limp Bizkit einfach noch ein paar Hits ausleihen. Egal ob Ministry (Thieves), George Michael (Faith), White Stripes (Seven Nation Army), House Of Pain (Jump Around), Nirvana (Smells Like Teen Spirit) oder Rage Against The Machine (klar, Killing In The Name Of) alles wird verwurstet und somit wird der 90er-Disko-Abend komplett. Noch dazu ist Herr Durst durchaus kontaktfreudig und hängt sich gerne über die Reling in der ersten Reihe oder bittet die Damen aus dem Publikum zu sich auf die Bühne, die dann durchaus auch den Platz am Mikrophon einnehmen dürfen.  Inso fern hat Limp Bizkit sicherlich das Beste aus dem Abend, der wirklich schwer zu meistern war, herausgeholt. Sicher Kiss, Metallica und Maiden sind andere Kaliber, aber das sollte auch jedem klar gewesen sein, der sich heute noch hier aufhält und somit wagen wir mit "Take A Look Around" einen letzten Blick über das Isar-Athen am Königsplatz mit seinen Propyläen und der Glyptothek und stellen fest, dass das hier wahrlich ein unvergleichliches Festivalgelände ist, bevor wir beschwingt den Heimweg in die laue Münchner Sommernacht antreten und uns dabei überlegen, wen wir auf Rockavaria 2019 so alles sehen wollen. Wir hätten da ein paar Ideen, denn kein Rockavaria (so wie letztes Jahr) ist halt auch keine Option.