Finnische Sauna mit Kuhglocken: wir schwitzen mit Battle Beast, Tuxedoo und Null Positiv

25.07.2018
Backstage München
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Eine unserer Lieblingsbands! Vor der Haustüre! Und das noch mit illustrem Support – das erfordert eigentlich keine großen Denkanstrengungen. Auf geht’s, Noora: let it roar!

„Wir Finnen lieben ja die Sauna. Unser Proberaum ist eine Sauna, ehrlich! Also fühlen wir uns bei Euch äußerst wohl!“ Das meint die liebe Noora wohl nicht ganz ernst, so triefend, wie die ganzen Kollegen da oben stehen, aber das ist halt nun mal so. Das Free & Easy-Festival sorgt eben alljährlich für schweißtreibende Ansetzungen – als 18tägiges Festival, auf dem durchaus hochkarätige Kombos ohne Eintrittsgeld zum Tanz bitten. Ein Hoch auf die Macher des Backstage, dass man auch 2018 wieder ein formidables Programm auf die Beine gestellt hat (die Ehre geben sich unter anderem Iced Earth, Alissas gestählter Lebensabschnittsbegleiter Doyle, Hatebreed, Night Demon, Loudness, Dog Eat Dog und die sprichwörtlich vielen mehr), das auch an diesem Abend jede Menge Sympathisanten ins weitläufige Werk zieht. Rein geht’s wie gehabt für ümme, so lange Platz ist: wer auf Nummer sicher gehen will, der besorgt sich im Vorfeld ein Einlass-Garantie-Ticket für kleines Geld, das dann auch gleich zwei Getränke beinhaltet. Fairer geht’s nicht!

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Die tropischen Temperaturen des Tages sind im Rahmen einer universellen Sintflut (Bademeister Sebbes führt aus: „Bei uns auf der Terrasse kann man schwimmen gehen!“) zwar erträglicheren Zahlen gewichen, aber die Mehrzahl der Angereisten hängt wohl lieber noch ein wenig im Biergarten ab: wir können uns ganz locker vorne postieren, als dann Null Positiv schon mal ordentlich loslegen. Die Kollegen sind uns nicht unbekannt, konnten wir die Formation um Fronterin Elli Berlin doch schon im beschaulichen Neutraubling im Vorprogramm von Anthrax bestaunen. Auch hier und heute legen sich die Herrschaften in Mad Max-Schminke mächtig ins Zeug, der Sound knallt mit Anleihen bei In This Moment und Rammstein ordentlich rein, und Sängerin Elli gibt wie gewohnt alles – sowohl mit überzeugender Klargesangsstimme, die ein wenig nach Frau Pesch klingt, als auch Growls irgendwo aus der Magengrube, an der die gesamte, von Frau Gluz angeführte Frauengrunzfraktion durchaus ihre Freude hätte. Nummern wie „Amok“ und „Koma“ sorgen zunehmend für Laune, und auch schuhwerktechnisch ist sowohl beim Publikum (Badelatschen) als auch auf der Bühne (lustige Gamaschen) alles geboten. Nach dreißig kurzweiligen Minuten ist dieser Wirbel wieder vorbei, den wir gerne erneut als gelungenen Beitrag zur deutschsprachigen Szene vermerken wollen.

Beiträge sehen wir auch in der Pause diverse, genauer gesagt zum Free & Easy Outfit Contest, der knapp zwischen einem Herrn in Sonnenhut (brennt in der Halle natürlich hell und heiß) und einem Verfechter der Spandex-Hose entschieden wird. Wunderbar und haarsträubend zugleich, wollen wir doch meinen.

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Auf der Bühne stellt man derweil eine kleine Alm-Landschaft zusammen, komplett mit Milchkannen und Glocken. Das kann nur eines heißen: Alpencore is inda house! Die Rasselbande von Tuxedoo (bekanntlich auch Österreich, auch wenn Geograph Sebbes irrtümlicherweise auf die Nähe Münchens als Herkunftsort verweist), die schon zweimal das Rockavaria beehrte, lässt auch heute nichts anbrennen. Bewaffnet mit den typischen Lederhosen, den ebenso bekannten kleidsamen Socken mit Aufschrift „Heavy“ rechts und „Metal“ links sowie weidlichem Percussion-Einsatz ballern  die Kollegen ihren Thrash/Metalcore ins immer respektabler gefüllte Rund. Irgendwie kommt das daher, als ob Slipknot sich eine Folge Heidi reingezogen hätten und mit 5 Finger Death Punch eine Marmeladensitzung abhalten: schweres Riffing, Percussion-Donner und aggressive Growl-Vocals sind die Devise bei Krachern wie „Perchtenzeit“. Mal bearbeitet das Shouter-Duo Kiwi und Hons die Milchkannen mit Baseball-Schlägern, mal springt ein bemitleidenswerter Roadie in Krampus-Maske durchs Gebüsch und hängt sich an die Absperrung, mal gibt es mit „Triduum Sacrum“ ordentlich auf die Ohren: auch wenn der Sound anfangs matschig wirkt, reißen die Jungs auch heute wieder einiges um. Bei den Schlachtenbummlern im Runde zeitigt das ein massives Gerammel, wobei von Circle Pit bis Wall Of Death alles am Start ist. Mit neuem Material vom aktuellen Album „Tales From The Rock Mass“ in Form von „Triduum Sacrum“ kocht die Stimmung dann über – spätestens als das alte Traditional „Was wollen wir trinken“ erklingt, das lustige bretonische Volkslied, das seit seiner Geburt 1929 in tausend Inkarnationen die Bühnen der Welt (sogar von den unsäglichen Kölsch-Kaspern Höhner) erobert hat. Ein massiver Abriss, der mit „The inner challenge“ seinen krönenden Abschluss findet. „Die haben als Kinder aber gerne Sepultura gehört!“, konstatiert Musikhistoriker Sebbes, der dazu gerne lautstark „Roots, Bloody Roots“ skandiert.

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So langsam kommt das Backstage Werk im wahrsten Sinne des Wortes auf Betriebstemperatur: die leichte Brise, die während der Umbaupause weht, verebbt gegen 22 Uhr vollständig, als die Hauptattraktion des Abends die Bretter entert. Ob Noora noch schnell den Imbisswagen besucht oder eben noch in Bayreuth aushalf, wo ja heute die Festspiele zu Ehren eines gewissen, kurioserweise frenetisch verehrten sehr deutschen Opernschreiberlings beginnen: ein paar Minuten dauert es, dann aber springen Battle Beast hervor und steigen mit „Straight To The Heart“ sofort standesgemäß ein. Im Vorfeld stand ich vor der schwierigen Herausforderung, meiner Begleitung die genreübergreifende Faszination dieser Kombo zu erklären, die ja bekanntlich alle Fraktionen, von der 80er-Nostalgie-Schule bis hin zum Thrash-Wüterich, gleichermaßen erfasst. Am ehesten scheint mir das noch mit der sozial ebenso breit gefächerten Abba-Popularität vergleichbar: einen perfekten Pop-Song muss man eben einfach gut finden, da gibt es kein Entrinnen. Und die gar nicht so alten Finnen um die in jeglicher Hinsicht eindrucksvolle Noora Louhimo verstehen sich nun einmal darauf, einprägsame Melodien, wunderbarre Kehrreime und vor allem ein charmantes Augenzwinkern so zu verbinden, dass die Pudelhaar-Träger ebenso mitgerissen sind wie die kleinen Mädchen und älteren Herren, die hier die Halle bevölkern.

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Noora agiert in kaputter Hose (soll so sein) und Lederwams, was sicherlich nicht gerade luftig ist, aber auch ihre Mitstreiter sehen nach dem ersten Song aus wie die sprichwörtliche gebadete Maus. Voll auf die Zwölf geht es dann mit „Bringer Of Pain“, dem wahrscheinlich besten Judas Priest-Song, der nicht von Priest stammt. Noorah zeigt sich stimmlich auf der Höhe und auch sonst sehr agil – „die turnt jeden Abend zwei Stunden!“, hält Übungsleiter Sebbo dienstbeflissen fest. Keyboarder Janne Björkroth traut sich in Britney Spears-Shirt durchaus was, nudelt aber am Umhänge-Schlüsselbrettchen alle Melodien ordentlich runter (und muss im weiteren Verlauf während einer Soloeinlage dann eine Flasche Bier auf Ex trinken – geschieht ihm recht). Weiter geht der Blumenstrauß der bunten Melodien mit einem schmackigen „Familiar Hell“, das zu kollektiven Hüpf-Attacken Anlass gibt. Spätestens jetzt zahlt sich das kurze Beinkleid, das selbst Sportsmann Sebbo heute ausgepackt hat, in gefühltem Gold aus – greatest hitz ist die Devise. Nach einem ebenso formidablen „We Will Fight“ (die nach wie vor aktuelle Langrille „Bringer Of Pain“ steht auch heute wieder im Mittelpunkt) wendet sich Basser Eero Sipilä launig an uns: „Mann, das war erst das vierte Lied, und ich schwitze schon wie ein Schwein!“ Danke auch, das sieht man, aber wir wollen uns da mal nicht beklagen, es ergeht hier ja allen so. „An old song“, kündet er uns nun an, „a fast song, a heavy song“ – das nehmen wir gerne, und das Schlachtross „Let It Roar“ bolzt heute alles in Grund und Boden.

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Ganz große Filmkunst, die Herrschaften! „Black Ninja“ überzeugt wie stets als atmosphärischer Stampfer, und ab jetzt wird es für Noora ein wenig intuitiver, die Reihenfolge einzuhalten: ein Roundhouse-Kick zu viel hat die auf den Boden geklebte Setlist zerknüllt. Etwas gemächlicher gehen sie es nun an, „the only slow song“ kommt in Form von „Far From Heaven“ wunderbar und vor allem mit überragenden Vocals daher. Wir sind froh über die kleine Pause und entschuldigen die Grönemeyer-Winke-Hände, denn unversehens geht es mit dem Stampfer „Lost In Wars“ weiter – offenbar ist es Noora etwas kühl, denn die Dame legt hierzu einen Schal inklusive Kapuze an. Finnen sind eigen. Der Herr an den Tasten und Juuso Soinio an der Sportguitarre legen nun das schon erwähnte Solo ein, das dank spaßiger Interpretationen einschlägiger Star Wars-Motive (darunter der unheilsdräuende „March Of The Stormtroopers“) und des eingestreuten Trinkspiels in Ordnung geht. Keyboard-lastig marschiert dann der Griff in die Historie namens „Iron Hand“ daher, bevor Noora probiert, die beiden Singles der Band an die Frau (oder auch den Mann, wie’s halt beliebt) zu bringen. Wir verzichten da mal und amüsieren uns lieber über die 80er-Disco-Elektro-Drums von „Touch In The Night“, das auf jedem Giorgio-Moroder-Soundtrack eine herausragende Figur gemacht hätte.

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„Battle Beast lieben Euch!“, radebrecht Eero gut gelaunt auf Deutsch, erklärt uns, dass der etatmäßige Drummer heute nicht mit dabei ist, weil der daheim dummerweise einen Job hat, und leitet in die Feierhymne über den „Bastard Son Of Odin“ über, die frenetisch abgefeiert wird. Gänzlich „Out Of Control“ gerät die Lage mit eben diesem finalen Song – aber wir sind sicher, da kommt noch mehr: „Die Konfetti-Kanone war noch gar nicht an!“, stellt Feuerwerker Sebbo fest, und in der Tat kehren sie für ein krachiges „King For A Day“ nochmal zurück. Ohne Kanone. Also harren wir weiter aus und werden belohnt: „Beyond The Burning Skies“ beschließt eine erneut berauschende Visite der Finnen – wobei dann auch endlich die vermisste Kanone zum Einsatz kommt. Wir sagen: raus an die Luft! Und gerne wieder. Sofort. Alles nochmal. Bis dann!