Lzzy und die Gipfelstürmer: wir steigen auf mit Halestorm und Bloodywood
/08.11.2025 Zenith München
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Everest, nicht weniger ambitioniert lautet der Titel des neuesten Werks der Rasselbande um die in jedem Sinne bemerkenswerte Elizabeth Hale. Beim Aufstieg nehmen sie das indische Hüpfkommando Bloodywood gleich mit – wir schließen uns dem Treck gern an.
„Sorry, but we have to do some shots now”, kündigt eine sichtlich gut gelaunte Lzzy an, und tatsächlich genehmigen sich die Vier im letzten Konzert-Drittel erst mal einen, was dann – natürlich – und die hübsche Hymne „Here’s To Us“ übergeht, womit natürlich wir alle gemeint sind. Auch insgesamt versteht es die Dame, ehrliche Dankbarkeit zu vermitteln, man freut sich hierzu sein und dankt für das Privileg, das Ganze machen zu dürfen. Das gestehen wir natürlich gerne zu, wenn wir mit solch einer Energieleistung belohnt werden.
Aber bevor wir diese bestaunen, gilt es zunächst einmal festzustellen, dass unsere Lieblings-Lokomotivenreparaturhalle Zenith wie auch schon bei unserem letzten Besuch nicht ganz ausverkauft ist. Was ein wenig verwundert, war doch der Auftritt beim „Back to the Beginning“-Ozzy-Abschieds-Even in Birmingham durchaus beachtet – zumal die gute Elizabeth dort als einzige Frau das Mikro schwingen durfte. Nun denn, wie dem auch sei, wir wandern direkterweise nach vorne und harren der Dinge, die dann Punkt 20 Uhr in Wallung kommen.
Und zwar ganz massiv, auf dem Programm steht nämlich eine weitere Einheit des Ertüchtigungsprogramms, das Fitnessafficionado Sebbes vor einiger Zeit schon einmal als Cardiotraining absolvierte: Bloodywood inda (sic!) house! Und das bedeutet eine wilde Mischung aus Metal, Elektro, Folk und politischer Message, durchaus treffend mit „Punjabi Metal“ umrissen. Vor allem aber ein massives Sound- und Groove-Gewitter, das die indische Formation mit Schmackes auf die Bretter haut.
Mit einem für das Grande Furioso schon fast niedlichen Schlagzeug zimmert Vishes Singh einen massiven Klangteppich, auf den Saitenbieger Karan Katiyar (der einmal auch zur Flöte greift) seine Messerriffs legt, zu denen Impresario Jayant Bhadula im blauen Wallegewand seine Growls abfahren lässt. Nicht minder energetisch legt sich dabei der für den Rap zuständige Raoul Kerr ins Zeug, der mit „No Flag“-Shirt offenbar eine Zweitkarriere als Personal Trainer verfolgt. Mit Nummern wie „Gaddaar“ und „Aaj“ nimmt die Chose ihren wilden Ausgang, im Publikum, wo nicht wenige Bandshirts zu erspähen sind, kommt alsbald auch unser alter Bekannter Herr Movement vorbei. Schuhtechnisch ist auf der Bühne alles geboten, von schweren Stiefeln über Crocs bis gar nichts liegt das Spektrum. Bei der Baby-Metal-Kooperation „Bekhauf“ kommen die Stimmen der spaßigen Damen vom Band, Meister Kerr bringt die Botschaft der gerne sozialkritischen, immer engagierten Nummern mit Gusto rüber: als man uns mit „Nu Delhi“ in die Heimat einlädt, warnt er eindrücklich: „It has a great heart, but fuck around, and you will be found…“ Das beherzigen wird doch gerne. Zu „Halla Bol“ animiert uns Herr Bhadula erfolgreich, uns doch auf dem Boden niederzulassen und dann wie an der Schnur gezogen hochzuhüpfen – machen wir. Die permanenten Aufforderungen, den Pit zu eröffnen, befolgen die Schlachtenbummler ebenfalls, bevor dann bei „Machi Bhasad“ (auf gut Englisch bei dem durchaus politischen „Expect a Riot“) ganz und gar die sprichwörtliche Post abgeht. Nach gut 40 Minuten ist der Sturm vorüber, das war durchaus mitreißend und energiegeladen – so macht Cardio doch wahre Freude.
Flugs schreitet man zum Umbau, der von einem wallenden Vorhang verborgen wird – wir können schon mal dahinter spitzen und machen ganz klassische Marshall-Türme aus. So muss das sein beim kernigen Rock der Marke Halestorm, der nun bevorsteht. Wir sinnieren noch kurz über das Motto der Gastspielreise, die ganz gemäß dem aktuellen Langdreher „The nEverest.Tour“ lautet – ein feines Wortspiel, demzufolge man zwar unterwegs zum titelgebenden Dach der Welt, aber nie am Ziel ist und damit niemals ruhen darf. Ganz nebenbei geben wir amüsiert eine zutiefst wahre Anekdote zum Besten: in einer weidlich bekannten Ausfrage-Sendung, die bisweilen Millionäre hervorbringt, lautete die allererste finale Frage seinerzeit, mit wem denn der Abenteuer Edmund Hillary eben jenen Mount Everest 1953 als erster Mensch bestiegen habe. Als die Angetraute einem meiner Weggefährten begeistert die – seinerzeit übrigens richtig vom Kandidaten gelieferte – Lösung berichten wollte, nuschelte der von einem Kneipenausflug leicht Angesäuselte nur: „Sdoch klar. Tenzing Norgay.“ Kann man wohl nur in dem Zustand so virtuos aussprechen. Mit diesem Wissen beseelt, harren wir der Dinge, die sich da hinter dem Vorhang zusammenbrauen, bevor dann um 21.14 (so viel Zeit muss sein) die wilde Sause losgeht. Das Bühnenbild ist mehr aufgeräumt, hinten thront erhöht Bandmitgründer Arejay Hale, heute ganz ohne Farbe im Haar und auf der Joppe, sondern eher funktional gekleidet. Zu den ersten Takten von „Fallen Star“ versieht Joe Hottinger (schon wieder so ein kühler Name!) links den Dienst an der Flying V, rechts bearbeitet Josh Smith den Tieftöner – aber natürlich sind wir alle gespannt, wie sich die Geschäftsführerin selbst in Szene setzen wird. Das tut die gute Lzzy natürlich auch heute wieder mehr als gekonnt, beim ersten teilweise noch bedächtigen Song dominiert der melodischen Klargesagt, die Riffs und Hooks kommen glasklar – aber bei der zweiten Nummer „Watch Out!“ (ebenfalls vom aktuellen Album) kredenzt uns Lzzy dann eine Kostprobe der gesamten, erstaunlichen stimmlichen Bandbreite, die auch treffsicher in aggressive Regionen schweift. Kleidungstechnisch trägt die Dame heute einen militaristisch anmutenden Mantel – und ein Beinkleid, was in der Kürze die Bezeichnung Hose kaum verdient. Aber sie kanns tragen, daher wollen wir da mal keinen Protest einlegen. Leicht ins Schleudern kommen wir allerdings mit unserem Zettelwerk, denn im Hause Halestorm schreibt man Abwechslungsreichtum groß: um einen festen Kern, der auch selbst jeweils neu angeordnet wird, rotieren immer wieder andere Songs in der Setlist. Deshalb kommen wir jetzt in den Genuss von „Back From The Dead“ und einem ebenfalls durchaus heftigen „Mz. Hyde“ – ein Auftakt nach Maß, der in durchaus sauberem Klangteppich erst einmal vornehmlich die ruppige Seite der Kombo auspackt.
Das ändert sich nun marginal, als uns die gute Lzzy berichtet, man habe ja ein neues Album im Gepäck, von dem sie uns einen ihrer Favoriten kredenzen will: zur Halbballade „Shiver“ betätigt die Dame dann äußerst kompetent das leuchtend rote Keyboard, während sich der Klangteppich wohlig-episch ausbreitet. Gesanglich voll auf der Höhe, die Fraktion der Sportguitarre brilliert – allererste Kajüte, stellen wir fest. Die Dame bedankt sich nun für die Angereisten, egal ob man zum ersten oder zum umpfsten Male da ist – dann deutet sie ein Schild heraus, auf dem eine Dame informiert: „You saved my life!“. Das sei ihr doch zu viel der Ehre, eher doch habe die Musik so gewirkt, und letztendlich habe die Anhängerin ja selbst die Entscheidung getroffen, sich von den schweren Gedanken nicht unterkriegen zu lassen. Positive Energie, die Älteren unter uns nennen das gerne Empowerment, wie auch immer – gut so. An eben solche eher finsteren Zeiten gemahnt das nun folgende klare Highlight des Abends: das atmosphärische „Darkness Always Wins“ steigert sich von den balladesken Anfängen mit einer fast schon elfenhaften Lzzy hin zu einem echten Orkan, der – optisch untermalt von einer Monster-Klaue, die in fast schon Eddie-artiger Manier hinter der Bühne hervorlugt (und eine Referenz auf das Cover der Single bietet) – ein wunderbar cineastisches Breitwand-Epos über Gut und Böse entfaltet. Ganz, ganz großes Kino! Nun berichet uns die Dame, dass wir in diesem Jahr doch einige Weggefährten verloren haben (allen voran Ozzy, zu dem wir später noch kommen), und denen widmet sie nun das elegische „How Will You Remember Me“, zu dem die Dame dann auch erstmals die Sportguitarre völlig ablegt und uns mitteilt „Ick liebe Dich!“ Da sagen wir doch mal nicht nein. In die rockigere Ecke geht es dann wieder mit dem satirisch angehauchten Kracher „I Get Off“ vom selbstbetitelten 2009er-Album, bevor es dann mit der ruppig-trotzigen verschmähte Liebe-Arie „I Gave You Everything“ weitergeht, bei der Meister Hottinger ein ausgedehntes, furioses Solo vom Stapel lässt. Leider nur kurz angespielt wird das doch eigentlich formidable „Familiar Taste of Poison“, aber das auf Scheibe eher sperrige „Rain Your Blood On Me“ wird mit schleppendem Stakkato-Rhythmus im Refrain wieder zum Riff-Monster. Danach darf sich nun der gute Arejay ins Zeug legen, macht seine Sache erwartungsgemäß gut (und nicht zu lange) und zückt dabei die schon etatmäßigen riesigen Drumsticks, mit denen er wirkt. als ob plötzlich der Incredible Shrinking Man auf die Felle drischt. Die von Lzzy gerne so bezeichnete „Freak Fam“ gerät dann bei der Erkennungsmelodie „Freak Like Me“ in kollektive Hüpf-Euphorie, dann kredenzen sie uns mit dem guten alten „Perry Mason“ eines der Ozzy-Stücke, das sie auch schon Birmingham gekonnt und Hommage-artig darboten. Jetzt biegt der Express endgültig in die Klassiker-Ecke ab: das vor allem von der Damenwelt frenetisch gefeierte „I Miss the Misery“ und das knallige „Love Bites (and so do I)“ atmen reinste Halestorm-Luft und ballern ordentlich. Kurze Pause, aber natürlich gibt es nochmal eine Runde heavyweight boxing: „Here’s To Us“ feiert in sehr glaubhafter Manier die Gemeinschaft (die family, die ja auch Metallica und Maiden so gerne beschwören – wobei man nicht unbedingt mit allen und jedem hier verwandt oder verschwägert sein möchte), „Like A Woman Can“ zelebriert wieder eine im besten Sinne selbstbewusste Weiblichkeit, bevor dann der Aufstieg zum „Everest“ den Abschluss markiert. Man dankt artig, der Tross rollt weiter, und wir konstatieren: ein astreiner Hagelsturm, der sich gewaschen hat, mit einer Kombo, die tight und auf der Höhe ihres Metiers ist. Wunderbar! Und jetzt alle nochmal: Tenzing…
