Alissa schenkt uns die Welt: Arch Enemy, Wintersun, Tribulation und Jinjer zündeln in der TonHalle

12.01.2018 Tonhalle München
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Will to Power - Wille zur Macht, das kennen wir doch von Friedrich Nietzsche, der das Ganze auch noch Jenseits von Gut und Böse verortete. Schwere Kost? Keineswegs: vielmehr das Motto, unter dem das melodische Abrisskommando Arch Enemy derzeit mit einem wahrlich fetten Paket durch die Lande zieht. Und das lassen wir uns natürlich nicht entgehen!

Auch wenn das heißt, sich wirklich früh einzufinden am Ort des Geschehens: immerhin vier Kombos stehen heute auf dem Programm, von denen sich keine mit zwanzig Minuten Spielzeit abspeisen lässt. Als wir dann um 18.20 (!) die TonHalle aufsuchen, die sich in Mitten der Mondlandschaft befindet, die einstmals der Kunstpark Ost war (aber keine Bange, eine Straße versetzt geht’s heiter weiter, dazu ausgangs dann mehr), erklingen dennoch schon die ruppigen Töne von Jinjer, die offenbar um Schlag 6 losgelegt haben. Eine Nachmittags-Ansetzung, das hatten wir ja seit Helloween nicht mehr! Die seit 2009 aktiven Herren und die eine Dame aus der Ukraine (ja!) zimmern ihren Metalcore derweil deftig ins Gebälk, das schon jetzt mehr als gut gefüllt ist: immerhin ist der Laden seit Tagen restlos ausverkauft, entsprechend dicht gedrängt stehen die Schlachtenbummler. Fronterin Tatiana Shmailyuk macht dabei in Schnalzhose mit grünem Hanf-Aufdruck und feschem Oberteil nicht nur eine saubere Figur, sondern growlt und kreischt, was das Zeug hält. Tieftöner Eugene Abdiukhanov trägt den Bass zwar verdächtig hoch geschnallt, zupft aber ordentlich, und die Gitarrenfront von Roman Ibramkhalilov steht wie eine Eins. Bis wir uns ordentlich sortiert haben, ist diese Sause auch schon wieder vorbei – wir konstatieren dennoch gerne einen standesgemäßen Auftakt und eine energetische Leistung, auch wenn wir zum Abliefern von ordentlichem Bildmaterial wohl noch früher vor Ort hätten sein müssen.

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Kurz durchatmen, wir studieren erst einmal die Halle, die durch die alle paar Meter platzierten Säulen für Konzerte ja eigentlich nicht ganz optimal ist. Der Menge tut das allerdings keinen Abbruch, auch der kleine Balkon hinten ist vollständig vollgepackt, und so gehen wir erwartungsvoll weiter – und landen schnurstraks in einer dicken Wand von waberndem Küstennebel. Damit umgeben sich nämlich die vier alten Schweden von Tribulation. Diese Darbietung versteht man wohl am besten als Gesamtkonzept: roter und grüner Rauch umschwebt die Herrschaften, die in geisterhafter Schminke, spaßigen Kostümen und ohne Grüß Gott agieren. Das passt durchaus zum Horror/Gothic-Image, dem man frönt, immerhin hören die Langspielplatten der Herren auf klingenden Namen wie „The Horror“ oder „Children Of The Night“. Nachdem Bela Lugosi heute aber leider verhindert ist, dräut Fronter und Basser Johannes Andersson umso mehr (wenn man ihn denn mal sieht) und kreischt die Vocals finster heraus. Seine Mitstreiter Adam Zaars und Jonathan Hultén kommen wie eine wilde Mischung aus Ace Frehley und Marc Bolan daher, und auch soundtechnisch kann man die Stücke wie „Melancholia“, „Winds“ oder auch „Suspiria de profundis“ durchaus auch teiweise in der psychedelischen Glam-Ecke verorten. Wir einigen uns nach einiger Diskussion schließlich auf Gothic Death als treffende Schublade. Auch wenn Toleranz-Verfechter Sebbo hartnäckig betont, auf Konserve laufe das durchaus angenehm rein und sei sogar als Hintergrundbeschallung für einen nachmittäglichen Tee mit der Schwiegermutter geeignet, sorgt der weitere Verlauf mit zugegebenermaßen sehr melodischen Nummern wie „Strange Gateways Beckon“ oder „When The Sky Is Black With Devils“ überwiegend für Ratlosigkeit. Ob es daran liegt, dass man sich nie ans Publikum wendet, oder vielleicht damit zusammenhängen, dass man die Band kaum sieht vor lauter Nebel – überkochende Stimmung geht in jedem Fall anders.

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Wie das geht, das zeigen die nun folgenden Herrschaften dann allerdings umso eindrucksvoller. Wintersun preschen gleich mit „Awaken From The Dark Slumber“ ordentlich nach vorne – wir konstatieren, dass der pfeilschnelle melodische Power Death heute fulminant einschlägt. Fronter Jari Mäenpää greift heute zwar nicht selbst in die Saiten, trägt dafür aber ein schickes Drachen-Hemd – und singt nebenbei ganz hervorragend. Die epische Schlagseite der Stücke kommt bestens zum Tragen, auch wenn wir bei „Winter Madness“, „Sons Of Winter and Stars“ oder auch „Loneliness“ den akustisch durchaus präsenten Keyboarder vergeblich versuchen ausfindig zu machen. Das ficht uns allerdings nicht an, die Instrumentalfraktion um Teemu Mäntysaari und Jukka Koskinen macht ihre Sache ganz formidabel – während Herr Mäenpää zwischendurch doch tatsächlich zu einer Tasse Tee greift. Offenbar wollen bei der Kälte die Stimmbänder geschont sein, das kann man schon nachvollziehen, zumal er uns höflich zuprostet und von Soziologen Sebbo als „Knuddeltyp“ erkannt wird. So geht es weiter im Text mit „Starchild“ und „Eternal Darkness“, was jemals standesgemäß abgefeiert wird. Genauso schnell wie die Songs der Finnen verfliegt dabei aber auch die Spielzeit: mit dem ausladenden Titeltrack des zweiten Albums „Time“ setzen Jari und seinen Mannen auch schon den Schlusspunkt unter einen rundum gelungenen Ausflug in die Welt der flirrenden Soli und epischen Riffs. Fein!

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Nun biegen wir aber endgültig auf die Zielgerade ein: nachdem mit „Fast“ Eddie Clarke vor einigen Tagen auch noch der letzte Streiter vom originalen Motörhead-Line up von uns gegangen ist, ehrt man das Trio mit einem schmackigen „Ace Of Spades“ als Intro, bevor Michael Amott, Jeff Loomis und Sharlee D’Angelo die Bühne entern und mit den ersten ruppigen Riffs ins Geschehen einsteigen: if you really want it, the world is yours! Das scheint nicht nur der Titel der ersten Auskopplung der aktuellen Arch Enemy-Scheibe Will To Power, sondern auch Lebensmotto der blauhaarigen Fee, die jetzt auf die Bühne stürmt: Alissa ist und bleibt die einzige Dame, von der wir uns gerne anschreien lassen. Der Sound drückt ordentlich, an den Instrumentalkünsten der Herren Loomis und Amott gibt es ohnehin keinen Zweifel, und es ist schon bemerkenswert, wie Basser Sharlee, den wir doch vor kurzem noch ganz entspannt bei seinem Nebenjob beim Night Flight Orchestra erlebten, diese rasenden Läufe herunterreißt. Aber machen wir uns nichts vor, Blickfang ist und bleibt Frau White-Gluz, die wieder in einem Schnürsenkel agiert, der aus der Feder eines H.R. Giger entsprungen scheint (und dem Vernehmen nach ja auch von diesem Herrn inspiriert ist).

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Alissa wirft die blaue Mähne, röhrt wie ein erboster Terrier und schwingt sich mit „Ravenous“ gleich in die nächste halsbrecherische Runde, die das Rund ordentlich in Bewegung bringt (auch auszumachen an den durchaus zahlreichen Gestalten, die erwartungsfroh vorne standen und jetzt das Weite suchen – tja, das hier ist eben kein Tanztee, meine Freunde). Nach „Stolen Life“ richtet die blaue Dame dann direkt das Wort an uns, „you are a beautiful sight“, meint sie – das verbuchen wir mal unter Schmeichelei, so richtig schön ist hier niemand, aber wir sind ja auch nicht bei Heidi Klum, sondern nehmen mit „The Race“ gleich einen weiteren Titel vom aktuellen Album mit auf die Reise. Hossa, was ein Tänzchen! Frau Gluz informiert uns anschließend eindringlich über Risiken und Nebenwirkungen des folgenden Stücks: „This – is – fucking - war!!!!“ Ist es, die Dame, „War Eternal“ walzt wieder einmal alles nieder, so wie sich das ja auch gehört. Aber das ist noch gar nichts gegen „My Apocalypse“, das dezent wie ein Bulldozer durch die Menge pflügt, durch die spätestens jetzt massive Wellen schlagen.

Mit „Blood In The Water“ setzt es wieder eine Nummer aktuellen Album, gefolgt von den War Eternal-Beiträgen „No More Regrets“ (schnell und melodisch) und „You Will Know My Name“, das wie gewohnt im Midtempo-Bereich schwerst metallisch swingt. Hierauf folgt nun der nach meinem bescheidenen Dafürhalten immer noch herausragendste Song der Kombo: das „Bloodstained Cross“ vereint halsbrecherische Riff-Attacken mit einem schwer-melodischen Refrain und packt mich auch heute wieder. Brillant. Die Doppelattacke aus „The Eagle Flies Alone“ (Igel fliegen ja üblicherweise alleine) und dem überraschend bedächtigen „Reason To Believe“, auf dem Alissa beweist, daß sie auch die Kunst des Klargesangs nicht vergessen hat, läuft ebenfalls wunderbar. „This is the first show in 2018! And it’s great!“, lobt uns die Dame denn nun auch, die sich zwischenzeitlich eine neue Joppe übergestreift hat, bevor sie uns mit „As The Pages Burn“ wieder ordentlich den Allerwertesten versohlt. „This is about all of you!“, dürfen wir dann notieren, „as we will rise!” Das Stück feiern wir natürlich standesgemäß ab, bevor es dann über “Avalanche” und „Snowbound“ zum furiosen Zieleinlauf geht, der selbstredend wieder mit dem Brecher „Nemesis“ erfolgt. Was ein Abriss! Die Menge wogte, wir wankten nicht, wir streben noch zum Leibchenstand, dem wir allerdings nichts Brauchbares entnehmen können. Das finden wir dann allerdings doch noch um die Ecke in Eddy’s Rock Garage, die wie einige Läden aus dem ehemaligen Kunstpark nur eine „Straße“ weiter hinten ein zweites Leben gefunden haben – wo wir dann zu sehr traditionellen Klängen à la Maiden, Dio und Co. noch einen schönen, entspannten Ausklang des Abends begehen. Oder so ähnlich.

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