Einspruch abgewiesen: Accept und Night Demon sorgen für den Aufstieg des Chaos in der TonHalle

14.01.2018 Tonhalle München
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Präzision. Zuverlässigkeit. Unbeirrbare Vehemenz. All diese teutonischen Tugenden verkörpern die Stahlkocher aus Solingen (wieder) seit Jahrzehnten. Und nachdem ein anderer angeblich deutscher Charakterzug – nämlich die Humorlosigkeit – auf die Herren so gar nicht zutrifft, sind wir auch dieses Mal gerne dabei, wenn es wieder heißt: Bälle an die Wand, Mann!

Manchmal lohnt es sich eigentlich gar nicht so richtig, nach Hause zu gehen: wir waren doch erst am Freitag hier in der TonHalle (Sebbo behauptet sogar permanent, das sei gestern gewesen, was vielleicht damit zusammenhängt, dass ihm der Samstag wie im Billy Wilder-Klassiker vom verlorenen Wochenende irgendwie abhandenkam). Heute drängen sich zwar nicht ganz so viele Schlachtenbummler wie bei Arch Enemy (der Balkon z.B. bleibt unbevölkert), aber dennoch ist es kuschlig voll. Man sieht also deutlich: auch wenn auf deutschen Bühnen kein Mangel an der Präsenz der klassischen deutschen Institution schlechthin besteht (immerhin konnte man die Herren 2017 unter anderem im Vorprogramm von Sabaton und mit einem Orchester-Spezialprogramm in Wacken bewundern), ziehen Accept nach wie vor die Schlachtenbummler. Da ändert es auch nichts, dass gleichzeitig Herr Dirkschneider nach wie vor mit seinem Back To The Roots-Programm die Lande bereist (wo er allerdings mittlerweile bei durchaus obskuren Stücken aus der reichen Accept-Historie angelangt ist). Soziologie Sebbes konstatiert derweil, dass heute a) älteres und b) fülligeres Publikum die TonHalle bevölkert – „das sind weniger als gestern [sic], die brauchen aber auch alle mehr Platz“, so die Diagnose. So viel zur deutschen Humorlosigkeit.

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 Zuerst aber einmal gilt es, traditionelle Töne aus Übersee zu bestaunen. Die Kalifornier von Night Demon haben sich in kurzer Zeit von der Fan-Truppe hin zu einem beachtenswerten Stück rostfreiem Metal gemausert, der eindeutig der guten alten Schule frönt. Was die drei Herrschaften hier anrühren, kann auf an Anhieb bestens munden: vom Opener „Welcome To The Night“ über „Full Speed Ahead“ bis hin zu „Maiden Hell“ gilt das Motto Vollgas. Dabei betätigt sich Basser Jarvis Leatherby (wenn das der echte Name ist: Prospekt!) auch kompetent an den Vokal-Diensten, und Gitarrero Armand John Anthony macht alleine so viel Alarm wie sonst nur eine Doppelaxt-Attacke. Die Bühne in Schuhkarton-Größe beherrschen sie allemal, Jarvis schüttelt seine Rockabilly-Mähne, und wir freuen uns an einem Sound, der daherkommt, als ob Judas Priest mal ein paar Maiden-Stücke probieren und dabei eine Prise Motörhead einstreuen. Ohne viel Federlesens und vor allem ohne große Reden zu schwingen peitschen die Drei weiter durchs Programm, das nach der doch einigen Angereisten bekannten Hymne „Heavy Metal Heat“ mit einem kurz angespielten „Overkill“ auch eine Hommage an Lemmy und seine seligen Schmöker enthält. „The Chalice“ klingt dann ein wenig wie eine Ozzy Osbourne-Nummer, wobei ein Skeletor im Umhang besagten Becher schwingt – „jetzt machen sie auch Grave Digger!“, lokalisiert Stilhistoriker Sebbo akkurat. 45 Minuten vergehen hier wie im Fluge, die Kollegen verabschieden sich, wir sind sehr positiv angetan. Old school at its best!

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Auch wenn auf der Bühne recht flugs alles gerichtet ist (inklusive deutlich erhöhtem Drumset und erweiterten Dimensionen), dauert es doch eine ganze Weile, bis sich the main event of the evening in einem kleinen Intro ankündigt. Punkt 20:50 geht die Reise dann erwartungsgemäß los mit „Die By The Sword“, das ja auch die aktuelle Langrille „The Rise Of Chaos“ eröffnet. Wenn es eines bei Accept nicht gibt, dann sind das handfeste Überraschungen: auch heute steht die Rhythmus-Fraktion unter Führung von Peter Baltes ohne Fehl und Tadel, Uwe Lulis (als Ersatz für Herman Frank an der Gitarre an Bord seit 2015) hält sich bis auf wenige Ausnahmen eher im Hintergrund - und Zeremonienmeister Wolf Hoffmann brilliert mit einer fast schon provozierenden Leichtigkeit. Locker grinsend präsentiert der einzig wahre Bruce Willis-Imitator die Riffs, feuert die Soli am vorderen Bühnenrand unters Volk und animiert die Menge, ohne dabei überhaupt ins Schwitzen zu geraten. Wenn er nicht so sympathisch wäre, wäre das fast schon unverschämt. Während Peter Baltes freundlich auch in die Seitenränder der Menge winkt, springt nun auch Mark Tornillo auf die Bühne, der – ebenfalls wie immer – in Weste, Schirmmütze und dunkler Brille agiert. Ordentlicher Auftakt, guter Refrain, das passt soweit. „Stalingrad“ setzt den Reigen der Stücke neueren Datums dann nahtlos fort, aber seien wir ehrlich: eigentlich hören wollen wir die Klassiker, die jetzt mit „Restless And Wild“ auch gleich zu Ehren kommen. Dazu hüpfen die Herren auf die strategisch gut platzieren Podeste, Baltes und Hoffmann sind die unangefochtenen Chefs im Ring, und Tornillo liefert die solide Performance, die man von ihm kennt. Fein!

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Auch die „London Leatherboys“ (für das sie seinerzeit ja einige Probleme bekamen – welch ein Wunder…) funktionieren trotz leicht tiefergelegten Gesangs bestens, bevor sie mit dem pfeilschnellen „Breaker“ eines ihrer technisch anspruchsvollsten Stücke unters Volk zimmern. Das kesselt gut, Hoffmann zaubert ein Solo nach dem anderen aus dem muskulösen Handgelenk – so muss das sein, meine Herren. „You know what I’m cooking here!“, begrüßt uns Herr Tornillo nun, ja, das kocht doch ordentlich. Nach dem Titeltrack des neuen Albums bringt das ebenfalls aktuelle „Koolaid“ dann mid-Tempo-Vibes, die fast ein wenig an AC/DC erinnern – das ist alles einwandfrei, aber Traditionalist Sebbo gibt zu bedenken: „Warum genau machen die eigentlich neue Lieder?“ Offenkundig tun sie das aber gerne, denn mit der schnellen Double Bass-Attacke „No Regrets“ und dem mitsing-fähigen, langsameren „Analog Man“ schieben sie gleich zwei weitere Nummern vom aktuellen Album nach. Dem einen oder anderen Besucher mag diese Ansammlung von aktuellen Songs in der Tat etwas zu massiv vorkommen – oder liegt es vielleicht doch noch an den Strapazen von gestern, oder vielmehr Freitag? Sei’s drum, wir bleiben standhaft und erfreuen uns nach dem heftigen „Final Journey“ (von „Blind Rage“) an den zwar ebenfalls nicht gerade uralten, aber überzeugenden „Shadow Soldiers“. Hoffmann gibt dabei das ganze Spektrum der klassischen Metal-Posen zum Besten, behält sich dabei aber immer eine leichte Selbstironie, die man einfach gut finden muss. Nun postiert sich der Maestro mutterseelenalleine auf der Bühne, natürlich ist er einer der ganz wenigen Anspruchsberechtigten, die ein Solo darbieten dürfen – aber er lässt es sich nicht nehmen, auch hier wieder leicht zu variieren und statt technisch versiertem Skalengedudel den „Bolero“ von Ravel zu intonieren und so der klassischen Unterlegung vieler Accept-Soli auch explizit Tribut zu zollen, was er ja auch auf seinem Album „Classical“ schon tat. Dennoch bleibt diese Einlage wohltuend kurz und geht nahtlos in „Neon Nights“ über, was dann nach der kleinen Durststrecke neuen Materials den bewährten Reigen der bunten Melodien wieder eröffnet, der sich dann mit der unverwüstlichen „Princess Of The Dawn“ gleich standesgemäß mit ordentlichen Mitsing-Attacken fortsetzt.

Zum blitzsauber gebrachten „Midnight Mover“ schaltet irgendjemand das Licht in der Halle an, die mittlerweile doch mehr als gut gefüllt ist und bis in die letzten Winkel mitmischt. „Up To The Limit“ groovt wie immer, bevor sich dann Baltes und Hoffmann zu „Objection Overruled“ nach vorne begeben und den Anfang doch noch etwas verschieben: „Na, so können wir nicht anfangen! Wir hören Euch ja gar nicht!“, animiert uns der liebe Peter, und dann klappt das doch noch. „Pandemic“ zeigt dann, dass die Comeback-Scheibe „Blood Of The Nations“ einfach die beste Scheibe der neuen Accept-Inkarnation bleibt, und „Fast As A Shark“ ballert glasklar wie eh und je. Während ich den staunenden Umstehenden erläutere, dass man die Setlist doch tatsächlich vorher online findet (ob sich das Internet durchsetzt, daran machen wir mal ein Fragezeichen, aber wir nutzen es mal solange es geht), vergeht die kurze Pause wie im Fluge, und die Abschluss-Trilogie aus „Metal Heart“, „Teutonic Terror“ und natürlich dem obligatorischen „Balls To The Wall“ lässt keine Wünsche offen. Qualität: wie stets unangreifbar. Songauswahl: vielleicht eine leichte Schlagseite in Richtung neue Ära. Insgesamt: dennoch bestens. Auf dem Zurückweg fällt mir hinter der Halle noch ein riesiges Abluftrohr auf, aus dem doch einiges an Dampf pustet. Kein Wunder, dass Herr Hoffmann da nicht ins Schwitzen kommt. Und den Eddy, den lassen wir heute mal aus.      

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